Retrospektiv konnte gezeigt werden, daß es bereits 1950 in Regionen Zentralafrikas zu AIDS-Erkrankungen gekommen sein könnte. 1981 wurden erste Fälle in den USA beschrieben, 1982 begann sich die Erkrankung auch auf Europa auszubreiten.
Kaum eine Erkrankung hat in ihrem Verlauf derartig dramatische Veränderungen erlebt wie die HIV-Infektion. Durch die Einführung antiretroviraler Kombinationstherapien (Highly Active Antiretroviral Therapy = HAART) ist es zu einem erheblichen Rückgang von HIV-assoziierter Morbidität, Mortalität und dem Auftreten von sog. opportunistischen Infektionen wie z.B. dem Kaposi-Sarkom gekommen (Abb. 1,2), wobei bestimmte externe Faktoren wie Rasse und Geschlecht den Therapieerfolg wahrscheinlich mitbeeinflussen. Was diesem Phänomen letztendlich zugrunde liegt kann derzeit nur spekuliert werden. Denkbar sind soziale Gründe (Verfügbarkeit von Medikamenten nur für bestimmte Gesellschaftsklassen) als auch genetische Faktoren (Unterschiede zw. Männern oder Frauen?) (Abb.3).
Zahlreiche prospektive Multicenter-Studien haben inzwischen den lebensverlängernden Effekt von Kombinationstherapien Im Vergleich zu den früher üblichen Monotherapien bewiesen (Abb. 4). Derzeit stehen in fünf Deutschland 19 antiretrovirale Medikamente aus Wirkstoffklassen zur Verfügung.
Die antiretrovirale Behandlung hat sich dabei in den vergangenen 20 Jahren enorm weiterentwickelt. Anfang der 90er-Jahre war nur eine Zidovudin-Monotherapie möglich, ab Mitte der 90er-Jahre dann bereits eine antiretrovirale Zweierkombination durch Einführung von ddI und ddC. Im Jahre 1997 begann die Ära der hochaktiven antiretroviralen Kombinationstherapie (HAART) durch Proteasehemmer-haltige Therapieregime. Eine Fülle neuer Substanzen befindet sich in der Erprobung und teilweise kurz vor der Zulassung. Diese Kombinationstherapien mit Inhibitoren der reversen Transkriptase (NRTIs, NNRTIs) und Proteasehemmern bilden die Basis von HAART, welche die Überlebenschancen verbessert und die Häufigkeit von o.g. aidsbedingten Erkrankungen vermindert. HAART, oft fälschlicherweise als Heilmittel gegen Aids angepriesen oder als solches missverstanden, trägt allerdings offenbar zur Gleichgültigkeit der Bevölkerung in reicheren Ländern bei. Die Epidemie scheint sich in deren Wahrnehmung zu normalisieren, obwohl sie tatsächlich bei falschem Verständnis eine weitaus grössere Not verursachen kann als die meisten Katastrophen, die in die Schlagzeilen gelangen. Die Folge ist daher - bei Vernachlässigung von Safer-Sex-Praktiken – eine nach wie vor hohe Neuansteckungsrate mit Auftreten verschiedenster Geschlechtserkrankungen, allen voran die Syphilis, die in ihrer Schwere auch heute nicht zu unterschätzen ist sowie das Auftreten opportunistischer Infektionen wie der bereits genannten Pneumocystis carinii Pneumonie, die dann häufig bei fortgeschrittener unentdeckter HIV-Infektion zur Diagnose AIDS führt. Auch unter HAART scheint es paradoxerweise in einigen Fällen zu einem Anstieg verschiedenster Erkrankungen zu kommen. Dies ist möglicherweise auf den mangelnden Einsatz verfügbarer Medikamente oder auch auf ein falsches Verständnis der Betroffenen hinsichtlich ihres Immunstatus mit der Folge nicht oder nur suboptimal durchgeführter Therapien zurückzuführen (Abb. 5).
Zunehmende virale Multi-Drug-Resistenzen, Langzeittoxizitäten der antiretroviralen Medikamente wie die Lipodystrophie (Fettumverteilungsstörung), Osteoporose oder aber Complianceschwierigkeiten sind darüberhinaus nur einige Probleme, die in den nächsten Jahren bewältigt werden müssen.
Ob eine solche Therapie durchgeführt wird, hängt vom Ausmaß des Immundefektes des Patienten ab. Die deutsche AIDS-Gesellschaft gibt regelmäßig aktualisierte Leitlinienzur antiretroviralen Therapie geraus (
http://www.daignet.de/). Das Wichtigste in Kürze:
Substanzen bzw. Substanzklassen und ihre Besonderheiten |
Substanz bzw. Substanzgruppe |
wichtigste Nebenwirkungen |
Diätvorschrift |
Dosis |
Darreichungsform |
Reverse-Transkriptase-Inhibitoren – Nukleosidanaloga |
|
hepatische Steatose, selten Laktatazidose, Lipodystrophie-Syndrom |
|
|
Abacavir
Handelsname: Ziagen® |
Hypersensitivitäts-Syndrom |
|
2x 300mg |
Tbl. à 300mg
Saft |
Didanosin
Handelsname: Videx |
Pankreatitis, Neuropathie, Lipoatrophie |
nüchtern einnehmen |
> 60kg KG: 1x 400mg
< 60kg KG: 1x 250mg oder 2x 125mg |
Kapseln à 400mg, 250mg oder 125mg
Pulver |
Emtricitabin
Handelsname: Emtriva® |
Kopfschmerz, Anämie |
|
1x200mg |
Kapseln à 200mg
Saft 10mg/ml |
Lamivudin
Handelsname: Epivir |
Kopfschmerz |
|
1x 300mg
oder
2x 150mg |
Tbl. à 300mg oder 150mg
Lösung |
Stavudin
Handelsname:
Zerit® |
Neuropathie, Pankreatitis, Lipoatrophie |
|
>60kg KG: 2x 40mg
<60kg KG: 2x 30mg |
Kapseln à 40mg oder 30mg |
Zidovudin
Handelsname: Retrovir® |
Neutropenie, Anämie, Myopathie, Lipoatrophie (geringer) |
|
2x 250mg |
Kapseln à 250mg, Saft |
Kombinationspräparat:
Lamivudin+Zidovudin
Handelsname: Combivir® |
Die Nebenwirkungen entsprechen denen, der Einzelsubstanzen |
2x (150mg+300mg) |
Tbl. à (150mg/300mg) |
Kombinationspräparat:
Lamivudin+Zidovudin+
Abacavir
Handelsname: Trizivir® |
2x150mg+ 2x300mg+ 2x300mg |
Tbl. à (150mg/300mg/300mg) |
Kombinationspräparat:
Lamivudin+Abacavir
Handelsname: Kivexa® |
1x300mg+ 1x600mg |
Tbl. à (300mg/600mg) |
Kombinationspräparat:
Tenofovir+Emtricitabin
Handelsname: Truvada® |
1x300mg+ 1x200mg |
Tbl. à 300mg/200mg |
Reverse-Transkriptase-Inhibitoren – Nukleotidanaloga |
Tenofovir
Handelsname: Viread® |
gastrointestinale Beschwerden (Durchfall, Übelkeit), selten Nierenfunktions-störungen |
|
1x245mg |
Tbl. à 300mg |
Protease-Inhibitoren (PI) |
|
Glukoseintoleranz, Fettstoffwechsel-störungen, Lipodystrophie-Syndrom, gastrointestinale Beschwerden |
|
|
Fosamprenavir
Handelsname: Telzir® (USA : Lexiva®) |
Diarrhö |
|
2x1400mg
in Kombi. mit Ritonavir
Fosamprenavir: 1x1400mg
Ritonavir: 1x200mg oder
Fosamprenavir: 2x700mg
Ritonavir: 2x100mg |
Tbl. à 700mg |
Atazanavir
Handelsname: Reyataz® |
Hyperbilirubinämie, Diarrhö, Kopfschmerzen |
mit Mahlzeit einnehmen |
1x400mg
in Kombi. mit Ritonavir
Atazanavir: 1x300mg
Ritonavir: 1x100mg |
Kapseln à 150, 200 oder 300mg |
Indinavir
Handelsname: Crixivan® |
Nephrolithiasis, Hyperbilirubinämie, trockene Haut und Schleimhäute, Onychodystrophie |
nüchtern bzw. fettreduziert einnehmen |
3x800mg
in Kombi. mit Ritonavir Indinavir: 2x400mg
Ritonavir: 2x100mg |
Kapseln à 400mg |
Lopinavir+Ritonavir
Handelsname: Kaletra® |
Fettstoffwechsel-störungen, Übelkeit, Diarrhö |
|
2x400mg+ 2x100mg |
Tbl. À 100/25mg oder 200/50mg |
Nelfinavir
Handelsname: Viracept® |
Diarrhö, Übelkeit |
nicht nüchtern einnehmen |
2x1250mg |
Tbl. à 250mg
Pulver |
Ritonavir
Handelsname: Norvir® |
Diarrhö, Übelkeit, Hypertriglyzeridämie |
|
üblicherweise nur zur Boosterung* verwendet:
2x100mg – 2x200mg
Saft: 2x 1,3ml |
Kapseln à 100mg
Saft |
Saquinavir
Handelsname: Invirase® |
Diarrhö, Übelkeit (meist mild) |
mit protein- / fettreicher Kost einnehmen |
In Kombination mit Ritonavir:Saquinavir: 2x1000mg
Ritonavir: 2x100mg |
Tbl. à 500mg |
Tipranavir
Handelsname: Aptivus® |
Fettstoffwechsel-störungen, Transaminasen-erhöhung Diarrhö |
mit Mahlzeit einnehmen |
In Kombination mit Ritonavir:Tipranavir 2x1000mg Ritonavir: 2x200mg |
Tbl. à 250mg |
Darunavir
Handelsname: Prezista® |
Kopfschmerzen, Fettstoffwechselstör-ungen, Hautausschlag |
|
In Kombination mit Ritonavir:Darunavir 2x600mg Ritonavir: 2x100mg |
Tbl. à 300mg |
Reverse-Transkriptase-Inhibitoren – nichtnukleosidisch (NNRTI) |
Delavirdin
Handelsname: Rescriptor® ** |
Arzneiexanthem |
|
3x400mg |
Tbl. à 200 mg |
Efavirenz
Handelsname: Sustiva®, Stocrin® |
psychotrope UAW; Arzneiexanthem
teratogen |
|
1x600mg |
Kapseln à 200mg
Tbl. à 600mg |
Nevirapin
Handelsname: Viramune® |
Arzneiexanthem, Hepatotoxizität |
|
2x200mg
14 Tage 1x200mg,dann 2x 200mg |
Tbl. à 200mg |
Etravirine
Handelsname: Intelence® |
Hautausschlag, Übelkeit, Pankreatitis |
|
2x200mg |
Tbl. à 100mg |
Kombinationspräparat:
Tenofovir+Emtricitabin+Efavirenz
Handelsname: Atripla® |
Nebenwirkungen entsprechen den der Einzelsubstanzen |
|
1x300mg+1x200mg+1x600mg |
Tbl. à 300mg/200mg/600mg |
Fusionsinhibitoren |
Enfuvirtid
Handelsname: Fuzeon® |
lokale Induration an der Einstichstelle |
|
2 x90mg s.c. |
Attachmentinhibitoren |
Maraviroc
Handelsname: Celsentri® |
Erkrankungen der oberen Atemwege, Husten, Transaminasen |
|
2x300mg
z.T. Dosismodifikation erforderlich |
Tbl. à 300mg |
Integraseinhibitor |
Raltegravir
Handelsname: Isentress® |
|
|
2x400mg |
Tbl. à 400mg |
*Boosterung: durch Hemmung des Cytochrom p450 Enzyms 3A4 (mittels Ritonavir) erreichte Verbesserung der Pharmakokinetik; **nur über internationale Apotheke |