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Dringende Forderung nach verbesserten Therapiebedingungen

Berlin, 24. Februar 2012. Die Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG) stellt auf ihrer heutigen Pressekonferenz zwei Studien vor, die mit aktuellem Datenmaterial ein alarmierendes Bild des unterschätzten Bereichs der Hauterkrankungen zeichnen. Besonders Allergien betreffen als eine der häufigsten Diagnosen alle Alters- und Bevölkerungsgruppen.

Bereits im Mai 2011 erregte eine Kohortenstudie1 an etwa 100.000 deutschen Werktätigen Aufsehen. Sie stellte fest, dass 21,3 Prozent der Untersuchten an einer Allergie litten. Außerdem wurde eine Verbreitung der Neurodermitis von 1,4 Prozent festgestellt – das entspricht etwa 1,1 Millionen Betroffenen in Deutschland.

Aufbauend auf diese Zahlen stellte die DDG nun Fragen nach der Verbreitung von Allergien in der Allgemeinbevölkerung, dem Umgang damit und der Qualität der medizinischen Behandlung, speziell bei Neurodermitis.
„Die Antworten auf diese offenen Punkte versetzt die Deutsche Dermatologische Gesellschaft in die Lage, mit einem gezielten Fortbildungsprogramm und versorgungspolitischen Maßnahmen eine verbesserte, allergologische Versorgung in Deutschland zu erreichen“, betont Prof. Dr. Matthias Augustin, Direktor des Instituts für Versorgungsforschung mit dem Competenzzentrum Versorgungsforschung in der Dermatologie (CVderm) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Die Verbreitung von Allergien in der Gesamtbevölkerung bestimmt eine FORSA-Studie2 im Auftrag der DDG. Bei 1.000 telefonisch befragten Krankenversicherten wurde ermittelt, dass bei einem Drittel bereits eine Allergie festgestellt wurde. Allerdings hatten sich nur 70 Prozent daraufhin in ärztliche Behandlung begeben. Dabei kommt den Dermatologen als am häufigsten konsultierte Facharztgruppe eine besondere Bedeutung bei der Behandlung zu. Denn immer noch ist die medizinische Versorgung für einen Teil der Patienten unzureichend, da nicht alle Betroffenen einen Arzt aufsuchen – eine angemessene allergologische Diagnostik daher nicht vorgenommen werden kann. Nur jeder Zweite wurde wegen seiner Allergie medikamentös behandelt. Dem gegenüber steht der Verlust der Lebensqualität durch die Allergie: Über die Hälfte der Befragten empfand die Krankheit als belastend, 48 Prozent gaben an, in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt zu sein.

Prof. Dr. Rudolf Stadler, Präsident der DDG und Chefarzt der Dermatologie am Johannes Wesling Klinikum Minden, dem akademischen Lehrkrankenhaus der Medizinischen Hochschule Hannover fordert

  • die Stärkung der allergologischen Versorgung durch ausreichende Vergütung und verbesserte Rahmenbedingungen für den Allergologen
  • die Abwendung unsinniger europäischer Gesetze, die die allergologische Diagnostik und Früherkennung behindern


Noch weitaus erschreckendere Ergebnisse lieferte die Studie „Atopic Health3“ zu Neurodermitis. Hierbei wurden 1.678 Patienten und ihre behandelnden Ärzte zur Ausprägung der Krankheit, der medizinischen Versorgung und dem Einfluss der Erkrankung auf die Lebensqualität befragt. Dabei stellte sich heraus, dass trotz weitgehend leitliniengerechter Therapie 93 Prozent der Patienten unter Juckreiz leiden. Als Folge dieses Juckreizes tritt bei über einem Viertel der Befragten häufig oder sogar immer Schlaflosigkeit auf. Dabei ist die Neurodermitis rein juristisch nicht als schwere Krankheit anerkannt. Dies bringt für die Betroffenen Nachteile mit sich, da beispielsweise topische Basistherapeutika, also die für Neurodermitiker notwendigen täglichen Pflegemittel, derzeit von der sogenannten OTC-Regelung betroffen sind. Das bedeutet, dass sie zwar apothekenpflichtig sind, aber die Kosten nicht von den Krankenkassen übernommen werden.

Folgerichtig stellt die Studie fest, dass gerade sozial schwach gestellte Menschen mit Neurodermitis eine höhere Einbuße ihrer Lebensqualität und eine insgesamt schlechtere Versorgung aufweisen. Ursache hierfür könnte die finanzielle Überforderung beim Selbstkauf der Arzneimittel sein. Insgesamt ist jedoch, so das weitere Ergebnis der Studie zu Atopic Health, die Versorgungsqualität der meisten Patienten in hautärztlicher Versorgung gut, wobei es aber Ansätze zur Optimierung gibt. Dabei fallen besonders Verbesserungsmöglichkeiten beim Einsatz von cortisonfreien, äußerlich anwendbaren Medikamenten zur Stabilisierung der Immunabwehr der Haut auf (topische Immunmodulatoren)4 auf. Auch im Bereich der Präventionsmaßnahmen, speziell bei Neurodermitis-Schulungen, zeigt die Studie ein deutlich erkennbares Ausbaupotential. Noch nehmen mit nur 12 Prozent der Befragten zu wenig Patienten an Schulungen dieser Art teil. Denn die Kosten werden nicht von den Krankenkassen übernommen.

Auf Basis dieser Datenlage fordert Prof. Dr. Matthias Augustin daher im Namen der DDG

  • für schwere Formen der Neurodermitis müssen die notwendigen Medikamente durch die Krankenkasse erstattet werden
  • topische Basistherapeutika und Harnstoffpräparate gehören auf die OTC-Ausnahmeliste
  • Auch höherpreisige Arzneimittel müssen durch den Dermatologen ohne Regressprobleme verordnet werden können, wenn nur diese Medikamente einen Nutzen für den Patienten haben


Auch auf Seiten des Gesetzgebers sieht die DDG Handlungsbedarf: Sollte sich der Referentenentwurf von Dezember 2011 durchsetzen, wird es nach der Novellierung des Arzneimittelgesetzes keine Epitkutantest-Zubereitungen (Testverfahren für Kontaktallergien) mehr geben. Prof. Dr. Axel Schnuch, Leiter der Zentrale „Informationsverbund Dermatologischer Kliniken“ (IVDK) an der Universität Göttingen erläutert: „Damit käme diese seit 100 Jahren erfolgreich eingesetzte Diagnostik zum Erliegen. Verbraucher könnten beim Allergologen nicht mehr ihr spezifisches Allergen erfahren. Sämtliche Kennzeichnungen auf Verpackungen von Lebensmitteln und Kosmetika wären im Hinblick auf Allergien damit sinnlos.“

Die Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG) ist die wissenschaftliche Fachgesellschaft deutschsprachiger Dermatologinnen und Dermatologen. Die Ziele der DDG sind die Förderung der wissenschaftlichen und praktischen Dermatologie, Venerologie und Allergologie und ihrer Spezialgebiete wie Andrologie, Phlebologie und Lymphologie, Proktologie, Dermato-Onkologie, dermatologischen Strahlentherapie, dermatologischen Mikrobiologie, Berufs- und Umweltdermatologie, Dermatohistologie sowie Prävention und Rehabilitation. Die Dermatologie ist ein organbezogenes konservatives und operatives Fach, das mit hoher interdisziplinärer, wissenschaftlicher und praktischer Ausrichtung Patienten von der Geburt bis ins hohe Alter versorgt. Neben der organtypischen operativen Dermatologie (Dermatochirurgie) ist eine weitere Spezialität die ästhetisch-korrektive Medizin einschließlich plastischer Operationen der Hautoberfläche.

1 Prevalence of skin lesions and need for treatment in a cohort of 99880 workers, M. Augustin et al., CVderm, Germany, Mai 2011
2 FORSA: „Allergien“ – Telefonische Befragung im Auftrag der Deurschen Dermatologischen Gesellschaft, Februar 2012
3 Atopic Health – Neurodermitis-Versorgung in Deutschland, M. Augustin et al., CVderm, Germany, 2011
4 Bisher wurden die beiden verfügbaren Mittel jeweils nur einem Drittel der Befragten verordnet.

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Von: Nicola Sieverling