Die neue Ära der Therapie des malignen Melanoms

Erfolg für die Dermatologie auf dem diesjährigen Weltkongress für Krebsmedizin in Chicago (ASCO).

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

für die Dermatologie war der diesjährige Weltkongress für Krebsmedizin in Chicago (ASCO) ein voller Erfolg. In zwei Plenarpräsentationen wurden internationale Studien, unter wesentlicher Beteiligung deutschsprachiger Dermatologie, zu den beiden neuen Medikamenten Vemurafenib und Ipilimumab vorgestellt. Die Ergebnisse, die hier präsentiert wurden, leiten eine neue Ära der systemischen Therapie des malignen Melanoms ein.

Bei Vemurafenib handelt es sich um ein sogenanntes „small molecule“, das gegen eine bestimmte Mutation der sogenannten BRAF-Mutation-V600E gerichtet ist.

In inzwischen drei Studien, einer in Phase 1, Phase 2 und jetzt in der auf diesem Kongress vorgestellten Phase 3-Studie, konnte eindrucksvoll gezeigt werden, dass in mehr als 80 Prozent der behandelten Fälle mit Vemurafenib (zwei mal täglich in Form einer Kapsel eingenommen), ein nachhaltiges Ansprechen des metastasierten malignen Melanoms beobachtet werden konnte. Aus den Phase 2-Studien liegen mittlerweile auch längerfristige Nachbeobachtungsdaten vor. Sie zeigen, dass mehr als 50 Prozent der mit einer Einzelsubstanz behandelten Patienten überlebt haben. Dies sind im Vergleich zur bisherigen Standardsubstanz Dacarbazin herausragende Werte. Die Ergebnisse waren Ende des letzten Jahres so beeindruckend, dass die Studie vorzeitig terminiert wurde und die Ergebnisse auf dem letzten ASCO Meeting in Chicago der Fachwelt vorgestellt werden konnten. In der Zukunft gilt es nun diese neuen Möglichkeiten eines sogenannten Debulkings, einer massiven Tumorreduktion, in die bisherigen Therapiekonzepte einzubringen. Aufgrund der herausragenden Datenlage gehen wir in Deutschland davon aus, dass diese Substanz Anfang kommenden Jahres zum allgemeinen Einsatz, also zur Behandlung des fortgeschrittenen malignen Melanoms, zur Verfügung stehen wird. Gleichzeitig sind größte Anstrengungen erforderlich, die diagnostischen Voraussetzungen in Deutschland zu realisieren. Der Einsatz dieser Substanz basiert auf dem Nachweis einer BRAF-Mutation. Dieser Nachweis wird zusammen in einer Kooperation mit der Deutschen Pathologischen Gesellschaft und der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft in einem Ringversuch vorbereitet, qualitätsgesichert und dann flächendeckend in der Bundesrepublik Deutschland angeboten. Es ist davon auszugehen, dass circa 50 Prozent der diagnostizierten malignen Melanome eine BRAF-Mutation zeigen. Diese ist dann wiederum Voraussetzung mit dem neuen Medikament Vemurafenib, behandelt zu werden. Darüber hinaus wird diese Mutation nicht nur beim malignen Melanom exprimiert, sondern auch bei unterschiedlichsten soliden Tumoren, wie zum Beispiel dem Schilddrüsentumor. Somit wird zukünftig auch für andere Krebsformen in der Medizin eine zielgerichtete, personifizierte Therapie dieser sehr unterschiedlichen Krebsarten zur Verfügung stehen.

Bei der zweiten Substanz, Ipilimumab, handelt es sich um einen humanisierten molekularen Antikörper, der ein ganz bestimmtes Zielmolekül in der immunologischen Abwehr beeinflusst. Es ist ein bremsendes Molekül, welches die Immunantwort abschaltet, es handelt sich um CTLA-4. Und gegen dieses Molekül ist dieser Antikörper gerichtet. Hierbei wird die Bremse im Immunsystem außer Gefecht gesetzt. Dieses Prinzip funktioniert nicht nur experimentell, sondern hat sich jetzt auch im Vergleich einer kontrollierten Vergleichsstudie Ipilimumab vs. Darcabazine bei 502 primär nicht behandelten metastasierten malignen Melanomen als wirksam erwiesen. Diese Studie wurde weltweit durchgeführt und es konnte erstmalig auch für eine immunologische Therapie gezeigt werden, dass das mittlere Überleben 11,2 vs. 9,1 Monate für Dacarbazin betrug. Oder anders, über einen dreijährigen Beobachtungszeitraum überleben 20 Prozent der mit Ipilimumab behandelten Patienten vs. 12,2 Prozent mit DTIC. Dies sind Erfolg versprechende Daten einer zukünftigen Immuntherapie beim fortgeschrittenen malignen Melanom. Diese beiden neuen Therapieansätze, sowohl der immunologische als auch der personifizierte, auf eine ganz bestimmte Mutation zielende Therapieansatz, können miteinander kombiniert werden. Das heißt: zukünftiges Abschmelzen der Tumormassen mit Vemurafenib, gefolgt von einer Immuntherapie mit Ipilimumab. Damit kann den betroffenen Patienten eine weitere Lebensperspektive in Ihrem fortgeschrittenen Tumorleiden mit dem malignen Melanom gegeben werden. Das bedeutet zusammengefasst: Wir haben in der Dermatologie zwei neue Krebsmedikamente zur Verfügung, um die uns Mediziner, insbesondere die Onkologen, für andere Tumorentitäten sehr beneiden. Somit ist nach einer langen Durststrecke für das maligne Melanom eine neue Ära eingeleitet worden.

Ihr Prof. Rudolf Stadler


 

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Autor

Jenny Kocerka