Wenn Hausarzt und Apotheker den Hautarzt ersetzen

Die aktuellen gesundheitspolitischen Konzepte der Bundesregierung haben schwer wiegende Folgen für Patienten mit Hautkrankheiten

(Berlin, 24.4.2002) Sollten Pläne der Bundesregierung Wirklichkeit werden, können Patienten mit Hautproblemen künftig nicht mehr automatisch zum Hautarzt gehen. Allgemeinärzte sollen vermehrt Hauterkrankungen behan-deln, und Apotheker entscheiden, welches Hautmedikament ein Patient erhält. Die Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG) und der Bundes-verband Deutscher Dermatologen (BVDD) halten diese Reformansätze für einen Irrweg und warnen vor einer Kostenexplosion.

Wer Hautprobleme hat, geht zum Hautarzt. Diese einfache Schlussfolgerung dürfte künftig nicht mehr so einfach zu ziehen sein. Die Bundesregierung will schleichend den "Hausarzt als Lotsen" durch das gesamte Gesundheitswesen einführen, wenn auch zunächst lediglich in Form eines Wahltarifs für die gesetzlich Krankenversicherten. BVDD und DDG fürchten, dass diese Gesetzes-änderung allerdings nur einen ersten Schritt darstellt: Am Ende müssen dann alle Patienten mit Beschwerden, gleich welcher Art, immer zunächst zu ihrem Hausarzt gehen, der sie untersucht und gegebenenfalls selbst behandelt. Erst wenn er mit seiner Kunst nicht weiterkommt, kann er an den Facharzt über-weisen. Auch bei Hauterkrankungen.

Therapiekosten beim Hautarzt deutlich geringer

"Diese gut gemeinten Pläne sollen die Stellung des Hausarztes stärken, Doppeluntersuchungen vermeiden und Kosten sparen", erläutert der BVDD-Generalsekretär Dr. Michael Reusch. "Das mag in vielen Fällen sinnvoll sein. Bei Hauterkrankungen wird jedoch das Gegenteil erreicht." Untersuchungen zeigen, dass fast 100 Prozent der Patienten, die direkt zu einem Hautarzt gehen, diesen aus völlig berechtigten Gründen aufsuchen - nämlich weil sie an einer Haut-erkrankung leiden. "Hier ein hausärztliches Filter vorzuschalten, macht keinen Sinn", erläutert Dr. Reusch weiter. "Im gegenwärtigen System löst ein Behandlungsfall beim Hausarzt Kosten in Höhe von 50 bis 60 Euro aus. Dem Dermatologen stehen hingegen derzeit lediglich zwischen 15 und 25 Euro pro Fall im Quartal zur Verfügung. Er verursacht also im Vergleich zum Hausarzt deutlich geringere Therapiekosten."

Überlebensvorteil für Hautkrebspatienten

Hinzu kommt, dass Allgemeinärzte im Regelfall keine spezielle Ausbildung in Hautfragen haben. Gerade Hauterkrankungen sind jedoch oft mit schwierigen, vielschichtigen Krankheitsbildern und -ursachen verbunden, oft auch mit einer höchst individuellen oder psychosomatischen Problematik. Eine spezielle Ausbildung und Berufserfahrung ist unabdingbar für eine effiziente, Kosten sparende Behandlung. Dr. Reusch betont: "Der direkte Gang zum Hautarzt vermeidet Fehldiagnosen und garantiert eine sofortige angemessene Behandlung." Da sichtbare Hauterkrankungen auch immer die Psyche beeinflussen, wird verhindert, dass Patienten unnötig lange seelisch unter einer belastenden Hauterkrankung leiden. Bei schnell wucherndem Hautkrebs kann die direkte Behandlung durch den Hautarzt sogar einen Überlebensvorteil bedeuten, da der Hausarzt lediglich feststellen kann, dass eine Hauterkrankung vorliegt, oft aber nicht, welche. Überweist er an den Hautarzt, verursacht dies Mehraufwand, nochmalige Untersuchungen und zusätzliche Kosten, und wertvolle Zeit verstreicht.

Therapie ist oft mühevolle, individuelle Feinabstimmung

Ebenso individuell wie das Hautproblem eines Patienten ist meist auch die Therapie. Besonders bei Hautcremes und Salben kommt es sehr darauf an, wie die Haut des Patienten reagiert. Dies hängt einerseits vom individuellen Hauttyp und Hautzustand ab, von Unverträglichkeiten und von allergischen Ver-anlagungen. Ein Patient kann völlig unterschiedlich auf zwei verschiedene Hautcremes ansprechen, die zwar den gleichen Wirkstoff, aber andere Zusatz-stoffe wie Salbengrundlagen, Emulgatoren, und Konservierungsstoffe enthalten. BVDD-Präsident Dr. Erich Schubert erläutert: "Um die Nebenwirkungen, die gelegentlich gravierend sein können, im Griff zu behalten, sind genau kalkulierte Therapiepläne erforderlich. Oft ist die Feinabstimmung eine mühsame, schritt-weise Annäherung an das optimal verträgliche Hautmedikament."

"Aut-idem" bei Hautkrankheiten medizinisch unverantwortlich

Die Erfolge dieses mitunter langwierigen diagnostischen Suchprozesses können nun durch die so genannte "Aut-idem"-Regelung mit einem Schlag zunichte gemacht werden. Nach dieser Regelung, die bereits in Kraft ist, sind Apotheker jetzt aufgefordert, aus Gründen der Kostenersparnis auf billigere Ersatz-medikamente mit dem gleichen Wirkstoff auszuweichen. Diese Präparate können jedoch ganz andere Zusatzstoffe und eine ganz andere Zusammensetzung haben. "Die letzte Entscheidung über die Verordnung eines Medikaments trifft also der Apotheker", so Dr. Schubert. "Als Pharmazeut ist er schon von seiner Ausbildung her nur mangelhaft über die medizinischen Folgen informiert. Dies ist ein medizinisch unverantwortlicher und ökonomisch sinnloser Eingriff in die Therapiefreiheit des Arztes - und in das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt. Die Folge wird sein: Wenn ein vom Hautarzt verordnetes Medikament nicht wirkt, weil ein Ersatzpräparat verkauft wurde, wechselt der Patient nicht die Apotheke, sondern den Arzt. Dies wird gewiss nicht dazu beitragen, Kosten einzusparen."

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