Künftig zählt die Fallpauschale und nicht der Patient

Neues Abrechnungssystem zwingt Hautkliniken, Patienten zu früh zu entlassen - Hohes Risiko von Komplikationen

(Berlin, 24.4.2002) Ab 2003 wird in deutschen Krankenhäusern flächen-deckend das neue Abrechnungssystem mit leistungsorientierten Fall-pauschalen eingeführt. Die Pauschalen sind so kalkuliert, dass zum Beispiel Patienten nach einer Hautoperation künftig bereits nach drei bis vier Tagen die Klinik verlassen müssen - mit einem hohen Risiko von Komplikationen wie Blutungen und Wundinfektionen. Doch die ambulante Nachsorge ist bislang noch völlig unzureichend.

Während der ersten Tage nach einer Hautoperation bedürfen Patienten einer intensiven medizinischen Betreuung. "Viele leiden in den ersten Tagen an starken Schmerzen, so dass eine qualifizierte Schmerzbehandlung unverzichtbar ist", erläutert Prof. Dr. Wolfram Sterry, Leiter der Klinik für Dermatologie, Venero-logie und Allergologie der Charité Berlin und Präsident der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG). "Außerdem besteht ein hohes Komplika-tionsrisiko durch Blutungen und Wundinfektionen. Die Patienten müssen ruhig und möglichst steril liegen sowie mit Nahrung und Flüssigkeit versorgt werden."

Entlassung nach knapp vier Tagen

Künftig werden die Kliniken allerdings gezwungen sein, ihre Patienten nach Hause zu schicken, sobald die Fallpauschale verbraucht ist - und dies ist, wenn die derzeitigen Planungen umgesetzt werden, im Schnitt nach knapp vier Tagen der Fall. "Dies ist für die meisten Patienten viel zu früh", befürchtet Prof. Sterry. "Sie müssen quasi noch blutend und unter Schmerzen das Krankenhaus verlassen und einen niedergelassenen Dermatologen zur Nachsorge aufsuchen. Der ambulante Bereich ist jedoch gar nicht auf eine solche Situation vorbereitet. Niedergelassene Hautärzte haben in der Regel nicht die Zeit, schwer kranke, frisch entlassene Klinikpatienten zu betreuen."

Leistungs- und diagnosebezogene Fallpauschale

Während bisher die Zahl der Pflegetage maßgeblich für die Abrechnung des Krankenhauses mit den Krankenkassen war, wird es künftig die leistungs- und diagnosebezogene Fallpauschale sein. Dieser Bestandteil der Gesundheits-reform 2000 wird ab dem 1. Januar 2003 umgesetzt. Jede Klinik erhält dann im Prinzip für die gleiche Leistung gleiches Geld. Dazu wurde ein Klassifikations-system für alle Erkrankungen entwickelt, die im Krankenhaus therapiert werden. Als Modell dienen die so genannten Diagnosis Related Groups (DRG), wie sie in Australien angewendet werden.

Kaum stationäre Dermatologie in Australien

Zwar soll das australische Vorbild an hiesige Verhältnisse angepasst werden. Doch die Kalkulation der deutschen Kostenbewertungen für die DRG-Fall-gruppen, so ist abzusehen, wird nicht mehr rechtzeitig zur Einführung im Jahr 2003 fertig. In diesem Fall, so sieht das Fallpauschalengesetz vor, werden hilfsweise die unveränderten australischen Kostenbewertungen herangezogen. "Dies hätte fatale Auswirkungen auf die Klinikpatienten", befürchtet Prof. Sterry. "In Australien gibt es keine nennenswerte stationäre Dermatologie. Hautpatienten werden dort von anderen Fachdisziplinen behandelt." Ohnehin führe die Derma-tologie in den angelsächsischen Ländern eher eine Randexistenz. So gibt es in ganz Großbritannien gerade einmal 400 Hautärzte. "Das kann nicht Vorbild für die Versorgungslandschaft in Deutschland sein, in der die Dermatologie eine große Tradition und eine hohe Kompetenz hat", ergänzt der DDG-Präsident. "Angesichts der stetigen Zunahme von Hauterkrankungen wie Hautkrebs und Allergien, die wir in den letzten zehn Jahren beobachten, ist das ein Schritt in die falsche Richtung. Wir sollten nicht überstürzt das System eines Landes, das ganz andere Strukturen im Gesundheitssektor hat, unserem überstülpen."

Derzeitiges System integrieren

Um die DRG deutschen Voraussetzungen anzupassen, sind von der Dermato-logie bereits umfangreiche Vorarbeiten geleistet worden. Seit geraumer Zeit werden an deutschen Kliniken intensiv DRG-Simulationen durchgespielt, Kodie-rungen und Kostengewichte ermittelt. Prof. Sterry: "Damit es nicht schlagartig zu starken Verzerrungen kommt, sollte vor der Einführung der Fallpauschale auf jeden Fall unser derzeitiges, durchaus vernünftiges System integriert werden." Denkbar wäre eine graduelle Umsetzung, zum Beispiel gestaffelt nach Lage des Krankenhauses, Patientenstruktur, Schweregrad der Fälle usw. Man könnte auch gewisse pauschalierende Anteile beibehalten. Außerdem sind besondere Um-stände zu berücksichtigen, etwa dass Universitätskrankenhäuser Träger der Forschung und Ausbildung sind. Und eine zentrale Abrechnungskomponente ist ohnehin noch völlig offen: Es steht bisher nicht fest, was in dem künftigen Fallpauschalensystem die Krankenkassen für die einzelnen Diagnosegruppen, etwa für eine stationär zu behandelnde Schuppenflechte oder die operative Entfernung eines Melanoms, überhaupt erstatten werden.

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