STATEMENT von Dr. Michael Reusch

In den Kernarbeitsbereichen der Dermatologie läßt sich empirisch ein deutlicher Anstieg der Erkrankungen nachweisen. Das gilt für bösartige Hauttumoren (Verdreifachung in einem Zeitraum von zehn Jahren) ebenso wie für die deutlich gewachsene Zahl der allergischen Erkrankungen, von denen heute annähernd 30 Prozent der Bevölkerung betroffen sind.

Altersbedingt ist darüber hinaus eine deutliche Zunahme von Präkanzerosen und benignen Hauttumoren zu verzeichnen. Hierbei spielen das Freizeitverhalten und der Lebensstil eine entscheidende Rolle (Sonnenbaden, Solarien). Die daraus resultierende Lichtschädigung der Haut wird sich im Laufe der nächsten 15 bis 25 Jahre verstärkt manifestieren.

Hautkrebs in all seinen Erscheinungsformen stellt heute bereits beim Mann die häufigste, bei der Frau die zweithäufigste Form der Krebserkrankung dar. Haut-krebs ist zugleich der sichtbarste und der am besten vermeidbare bösartige Tumor des Menschen. Dermatologen können diese Tumoren und ihre Vorstufen aufgrund langjähriger Ausbildung und Erfahrung mit großer Sicherheit diagnos-tizieren und in der Regel ambulant therapieren.

Erhebliche volkswirtschaftliche Folgekosten sollten gezielt durch Präventions-kampagnen gesenkt werden (Hautkrebsvorsorgeuntersuchung, aber auch Schu-lung im Umgang mit UV-Strahlen). Dabei ist zu bedenken, dass aufgrund der Latenzzeit bei Krebs solche Maßnahmen nahezu ein Jahrzehnt benötigen, ehe sie empirisch meßbar greifen.

Wissenschaftlich dokumentierte Massenscreenings der AOK Sachsen und der BKK in Baden-Württemberg haben bewiesen: die Krebsfrüherkennung entlastet Krankenkassen nachhaltig von weit höheren Kosten einer teuren Krebs-behandlung in weiter fortgeschrittenen Stadien. Es gibt keinen vernünftigen Grund, die Aufnahme der Präventionsleistung Hautkrebsvorsorge beim Dermato-logen in den GKV-Leistungskatalog auf die lange Bank zu schieben.

Das Fach in seiner Breite arbeitet überwiegend ambulant. Schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt wurden in der Dermatologie erhebliche Anteile des diagnos-tischen und therapeutischen Leistungsspektrums vom stationären in den ambu-lanten Bereich verlagert. Heute werden selbst großflächige entzündliche Hauterkrankungen, komplexe Allergien und bösartige Hauttumoren mehrheitlich ambulant versorgt.

Die Patienten wenden sich bei Hautproblemen in aller Regel unmittelbar an ihren Hautarzt. Das war auch schon vor Einführung der Chipkarte so. Die primäre Inanspruchnahme durch die Hautkranken erweist sich in fast 100 Prozent aller Fälle als medizinisch indiziert und damit als berechtigt. Die Mehrzahl der Hautarzt-Patienten nimmt im Quartal ausschließlich die Betreuung durch den Dermatologen in Anspruch.

Ein medizinisch und/oder ökonomisch sinnvolles Filter zur Inanspruchnahme von Dermatologen existiert nicht. Durch den unmittelbaren Gang zum Dermatologen werden empirisch nachweisbar Fehldiagnosen vermieden und adäquate Behand-lungen unverzüglich aufgenommen. Dies bedeutet insbesondere bei Hautkrebs einen signifikanten Überlebensvorteil für den Patienten. Der hautärztlich nicht weitergebildete Hausarzt wird in aller Regel lediglich feststellen können, ob eine Hauterkrankung vorliegt.

Auch aus ökonomischen Gründen ist es nicht sinnvoll, dem Dermatologen regelhaft einen Hausarzt vorzuschalten. In der Dermatologie können Diagnose und Therapie in aller Regel bei demselben Arzt erfolgen. Der sonst erforderliche Mehraufwand durch Überweisungen, Doppeluntersuchungen und Informations-defizite wird so weitgehend vermieden.

Der Hausarzt ist in der Bundesrepublik heute um ein Mehrfaches teurer als viele Organspezialisten wie Gynäkologen, Ophtalmologen, Hals-, Nasen-, Ohrenärzte oder Dermatologen. Ein hausärztliches Filter vorzuschalten, macht im gegen-wärtigen System für Hauterkrankungen daher keinen Sinn. Im bestehenden GKV-System löst ein Behandlungsfall einen hausärztlichen Fallwert von 50 bis 60 Euro aus. Dermatologen stehen zur Zeit für einen Fall je nach Bundesland lediglich zwischen 15 und 25 Euro im Quartal zur Verfügung. Akute und zeitlich limitierte Hauterkrankungen werden von Dermatologen im Vergleich zu Haus-ärzten mit deutlich geringeren Therapiekosten behandelt, wie einschlägige Aus-wertungen des Instituts für Medizinische Statistik dokumentieren.

Die deutschen Dermatologen befürworten eine Stärkung hausärztlicher Prinzipien. Sie plädieren aber angesichts der Mängel bestehender Hausarzt-systeme für eine Erprobung unter Beachtung medizinischer wie ökonomischer Gesichtspunkte im Rahmen von Modellprojekten: Gleichzeitig lehnen sie angesichts fehlender Mittel in weiten Bereichen der ambulanten Versorgung Bonusregelungen entschieden ab.

Die deutschen Dermatologen unterstützen nachhaltig eine leitlinienorientierte und qualitätsgesicherte medizinische Versorgung. Die suffiziente Behandlung von Hauterkrankungen setzt eine mindestens fünf- bzw. heute sechsjährige Weiter-bildung in den Kern- und Spezialbereichen des Faches voraus. Um das erreichte hohe Versorgungsniveau zu sichern und weiterzuentwickeln, ist die Deutsche Dermatologische Akademie (DDA) gegründet worden, die kompatibel mit den Vorgaben von Bundesärztekammer und den Landesärztekammern innerhalb von fünf Jahren über qualitativ gesicherte Veranstaltungen die Fortbildung von Dermatologinnen und Dermatologen zertifiziert.

Qualität ist unteilbar. Leitlinien, die in großer Anzahl bereits für unser Fach erstellt worden sind, müssen in Diagnostik und Therapie für alle Ärzte gelten. Allerdings hat eine solche qualitätsgesicherte, an nachgewiesener Wirksamkeit, Nachhaltig-keit und Lebensqualität der Patienten orientierte Medizin ihren Preis.

Der Berufsverband der Deutschen Dermatologen plädiert aus medizinischen wie ökonomischen Gründen für einen Ausbau der ambulanten Rehabilitation zur Versorgung von Patienten mit chronisch entzündlichen Hauterkrankungen (insbesondere Neurodermitis und Psoriasis) und hat hierzu dem Bundes-gesundheitsministerium bereits 1999 ein Modell vorgelegt. Ein besonderer Schwerpunkt ist hierbei die Schulung und Vermittlung von Kompetenz an Patien-ten und ihr Umfeld, mit ihrer Erkrankung leben zu können. Hierzu wird das Umfeld wohnortnah einbezogen. Es ist Verantwortung der Gesundheitspolitik die Weichen so zu stellen, dass strukturelle Veränderungen möglich werden, den Grundsatz "ambulant vor stationär" lege artis auch für chronisch Hautkranke zu verwirklichen.

Die deutschen Dermatologen treten ein für den Erhalt gewachsener, leistungs-fähiger fortschrittlicher und innovationsfähiger Strukturen, die im internationalen Wettbewerb bestehen können, und fordern:

· den medizinisch und ökonomisch sinnvollen unmittelbaren Zugang des Hautkranken zum Dermatologen

· eine komplette Übernahme des Morbiditätsrisikos durch die Krankenkassen: in einem ersten Schritt zumindest für die qualitätsgesicherten Exzisionen bösartiger Tumoren der Haut und ihre Vorstufen sowie für qualitätsgesicherte allergologische Versorgung.

· einen Verzicht auf die Umverteilung von Mitteln im Gesundheitswesen zu Lasten der Fachärzte im Rahmen der angekündigten Stärkung der Haus-ärzte · eine Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit der Dermatologie im Rahmen struktureller Änderungen im Gesundheitswesen und mehr Mittel für die qualitätsgesicherte und leitlinienorientierte Versorgung

· die Hautkrebsvorsorge in den Katalog der gesetzlichen Krankenversiche-rungsleistungen aufzunehmen und zusätzliche Mittel bereitzustellen

· eine die Besonderheiten der Dermatologie berücksichtigende Ausgestaltung der Arzneimittelgesetzgebung und der nachfolgenden Richtlinien


 

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