Gegen die Diskriminierung von Haut-Patienten

Hautärzte fordern: rezeptfreie Arzneimittel für Patienten mit chronischen Hauterkrankungen müssen auch weiterhin erstattet werden

Medikamente, die rezeptfrei in Apotheken erhältlich sind, werden nicht mehr von den gesetzlichen Krankenkassen vergütet. So sieht es das „Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung" vor, das seit Jahresbeginn in Kraft ist. Allerdings ist eine Reihe von Arzneimitteln für schwerwiegende Erkrankungen von dieser Regelung ausgenommen. Mitte März hat der gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen eine Liste derjenigen Medikamente veröffentlicht, die die gesetzlichen Krankenkassen auch weiterhin erstatten.

Die meisten Patienten mit Hautkrankheiten gehen dabei allerdings leer aus. Besonders hart sind die etwa 3 Millionen Patienten mit chronischen Hauterkrankungen, wie Neurodermitis oder Schuppenflechte, betroffen. Auf sie kommen zusätzliche Ausgaben im vierstelligen Eurobereich jährlich zu. Die Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG) und der Berufsverband der niedergelassenen Dermatologen (BVDD) protestierten deshalb gegen die Benachteiligung ihrer Patienten und fordern die Aufnahme von Standard-Therapeutika der Dermatologie in die Ausnahmeliste. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz am Dienstag, 27. April 2004, 14 – 16 Uhr in der Galerie im Kaiserin-Friedrich-Haus Robert-Koch-Platz 7, 10115 Berlin sprachen Herr Prof. Dr. Harald Gollnick, Präsident der DDG und Leiter der Universitäts-Hautklinik Magdeburg, Herr Dr. Erich Schubert, Präsident des BVDD und niedergelassener Hautarzt in Würzburg, Herr Dr. Matthias Augustin, Oberarzt an der Universitäts-Hautklinik Freiburg und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Gesundheitsökonomie der DDG, sowie betroffene Patienten.

Dermatologie besonders betroffen

Von den derzeit etwa 1600 verfügbaren dermatologischen Präparaten wird künftig beinahe die Hälfte nicht mehr von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. „Das liegt daran, dass ein überdurchschnittlich hoher Anteil der Medikamente zur Heilung von Hautkrankheiten bislang rezeptfrei in der Apotheke erhältlich ist", so Dr. Matthias Augustin. Da diese Medikamente in der Regel nur äußerlich angewandt werden, sind viele von ihnen nicht verschreibungspflichtig. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Präparate weniger wirksam seien, betont Augustin. Bei den jetzt von der bisherigen Vergütungspraxis ausgenommenen Arzneien handelt es sich durchweg um nachweislich wirksame Präparate, die häufig den Therapie-Standard darstellen. „Für uns ist es beispielsweise absolut unverständlich, dass Harnstoff-Präparate nun nicht mehr von den Kassen erstattet werden, die seit den 1970er Jahren in der Behandlung von Neurodermitis und Schuppenflechte unverzichtbar sind und deren Wirksamkeit durch unzählige Studien belegt ist", bedauert Prof. Dr. Harald Gollnick.

Einsparungen ungewiss

Ob die Krankenkassen durch die Neuregelung finanziell überhaupt entlastet werden, bleibt fraglich. „Vielmehr rechnen wir damit, dass höhere Folgekosten durch Fehlversorgung entstehen", sorgt sich Dr. Augustin. Werden Hauterkrankungen nicht mehr adäquat behandelt, etwa wenn sich Patienten die Ausgaben für die Medikamente sparen, kann es zur Verschlechterung der Krankheitssymptome kommen. Schlimmstenfalls müssen Patienten stationär aufgenommen werden, was mit erheblich höheren Kosten verbunden wäre. Zudem rechnen Experten damit, dass die rezeptfreien Präparate zu einem gewissen Teil durch rezeptpflichtige Arzneien ersetzt werden, die erheblich teurer sind. Da diese weiter von den Kassen erstattet werden müssen, sind lediglich geringfügige Einspareffekte zu erwarten.

Fragwürdige Entscheidung

Kritik üben DDG und BVDD auch am Zustandekommen der Ausnahmeliste in ihrer jetzigen Form. In einer Vorschlagsliste vom 1.12.2003 waren Harnstoff-Präparate und Basis-Therapeutika der Intervalltherapie bei schweren Formen von Neurodermitis und Schuppenflechte noch enthalten. „Deren Verbindlichkeit wurde uns aus dem Bundesgesundheitsministerium zugesagt“, so Prof. Gollnick. „Trotzdem wurden die genannten Arzneien im Nachhinein aus der Ausnahmeliste gestrichen, ohne dass die Betroffenen eine Möglichkeit zur Stellungnahme hatten.“


 

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