Leitlinien

Einleitung

1. Einführung

Bei zunehmender Komplexität der Medizin sind Leitlinien Hilfen für ärztliche Entscheidungsprozesse im Rahmen einer leistungsfähigen Versorgung der Patienten sowie wesentliche Bestandteile von Qualitätssicherungsprogrammen. Leitlinien können Einfluß nehmen auf Wissen, Einstellung und Verhalten von Ärzten, von Mitgliedern der Fachberufe im Gesundheitswesen und von medizinischen Laien. Leitlinien sollen somit Versorgungsengpässe verbesern, Risiken minimieren und die Wirtschaftlichkeit erhöhen.

Die nachfolgenden Empfehlungen beschreiben Definitionen, Ziele und international akzeptierte Qualitätskriterien für Leitlinien.

2. Definition

  • Leitlinien sind systematisch entwickelte Entscheidungshilfen über die angemessene ärztliche Vorgehensweise bei speziellen gesundheitlichen Problemen.
  • Leitlinien stellen den nach definierten, transparent gemachten Vorgehen erzielten Konsens mehrerer Experten aus unterschiedlichen Fachbereichen und Arbeitsgruppen (gegebenenfalls unter Berücksichtigung von Patienten) zu bestimmten ärztlichen Vorgehensweisen dar.
  • Leitlinien sind wissenschaftlich begründete und praxisorientierte Handlungsempfehlungen.
  • Methodische Instrumente zur Erstellung von Leitlinien sind unter anderem Konsensuskonferenzen, Delphianalysen, Therapeistudien, Metaanalysen.
  • Leitlinien sind Orientierungshilfen im Sinne von "Handlungs- und Entscheidungskorridoren" von denen in begründeten Fällen abgewichen werden kann oder sogar muß.
  • Leitlinien werden regelmäßig auf ihre Aktualität hin geprüft und gegebenenfalls fortgeschrieben.

Der Begriff Richtlinien sollte hingegen Regelungen des Handelns oder Unterlassens vorbehalten bleiben die von einer rechtlich legitimierten Institution konsentiert, schriftlich fixiert und veröffentlicht wurden, für den Rechtsraum dieser Institution verbindlich sind und deren Nichtbeachtung definierte Sanktionen nach sich zieht. Die Inhalte der vorliegenden Empfehlungen beziehen sich ausdrücklich nicht auf Richtlinien der ärztlichen Selbstverwaltungskörperschaften.

3. Ziele von Leitlinien

  • der Sicherung und Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung,
  • der Berücksichtigung systematisch entwickelter Entscheidunghilfen in der ärztlichen Berufspraxis,
  • der Motivation zu wissenschaftlich begründeter und ökonomisch angemessener ärztlicher Vorgehensweise unter Berücksichtigung der Bedürfnisse und Einstellungen der Patienten,
  • der Vermeidung unnötiger und überholter medizinischer Maßnahmen und unnötiger Kosten,
  • der Verminderung unerwünschter Qualitätsschwankungen im Bereich der ärztlichen Versorgung,
  • der Information der Öffentlichkeit (Patienten, Kostenträger, Verordnungsgeber, Fachöffentlichkeit und andere) über notwendige und allgemein übliche ärztliche Maßnahmen bei speziellen Gesundheitsrisiken und Gesundheitsstörungen.

4. Qualitätskriterien von Leitlinien

Leitlinien sollten folgenden Qualitätskriterien genügen:

  • Transparenz: Leitlinien sollen nur dann Berücksichtigung finden, wenn ihre Ziele sowie bei der Erstellung benutzten Methoden und bei den Empfehlungen zugrundeliegenden relevanten Erkenntnisse, Quellen und Autoren sowie die betroffenen Kreise genannt werden. Die vorgeschlagenen Vorgehensweisen sollen im Vergleich zu nicht in den Leitlinien empfohlenen Verfahren diskutiert werden.
  • Gültigkeit: Leitlinien sind als gültig (valide) anzusehen, wenn durch die Befolgung ihrer Empfehlungen die zu erwartenden gesundheitlichen und ökonomischen Ergebnisse tatsächlich erzielt werden können.
  • Zuverlässigkeit und Reproduzierbarkeit: Leitlinien sind als zuverlässig und reproduzierbar anzusehen, wenn
    1. unabhängige Experten bei der Benutzung der gleichen zugrundeliegenden europäischen Erkenntnisse (Evidenz) mitgleicher Methodik zu identischen Empfehlungen gelangen und wenn
    2. Leitlinien unter identischen klinikschen Umständen immer gleich interpretiert und angewandt werden können.
  • Multidisziplinäre Entwicklung: Ärztliche Leitlinien sind unter Beteiligung von Repräsentanten der betroffenen Gruppen (Anwender und gegebenenfalls Zielgruppen) zu entwickeln.
  • Anwendbarkeit: Die Zielgruppen, denen die Empfehlungen von Leitlinien zugute kommen sollen - Patientenpopulationen etc. sind eindeutig zu definieren und zu beschreiben. Dabei sollen Angaben über den Anteil der charakteristischen Situationen gemacht werden, in denen die Empfehlungen von Leitlinien nach empirischen Erkenntnissen erfolgversprechend sind.
  • Flexibilität: Leitlinien nennen speziell bekannte und allgemein zu erwartende Ausnahmen von den Empfehlungen. Sie zeigen auf, wie die Bedürfnisse der Patienten in die ärztliche Entscheidungsfindung einzubeziehen sind.
  • Klarheit und Eindeutigkeit: Leitlinien sind in allgemeinverständlicher Sprache abzufassen, unter Verwendung von präziser Terminologie und Definitionen sowie von logischen und leicht nachvollziehbaren Darstellungen. Es empfiehlt sich, soweit wie möglich einheitliche Präsentationsformen zu verwenden.
  • Dokumentation und Leitlinienentwicklung: Die Verfahren, Beteiligten, benutzen Materialien, Annahmen, Prämissen und Analysemethoden, mit deren Hilfe Leitlinien entwickelt wurden, sind ebenso exakt zu dokumentieren wie die Verknüpfung der Empfehlungen mit den verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen.
  • Planmäßige Überprüfung: Die Leitlinien enthalten Angaben darüber, wann, wie und durch wen sie überprüft werden.