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Malignes Melanom


 

1. Allgemeines

 

1.1  Definition:

Das maligne Melanom ist ein bösartiger Tumor, der vom melanozytären Zellsystem ausgeht und sich ganz überwiegend an der Haut manifestiert. Selten kommt er auch am Auge (Uvea und Retina), an den Hirnhäuten und an Schleimhäuten verschiedener Lokalisation vor. Das Melanom ist zumeist stark pigmentiert. Im Verhältnis zur Tumormasse besteht eine frühe Tendenz zur Metastasierung und damit eine  ungünstige Prognose. Das maligne Melanom ist etwa für 90 % der Mortalität an Hautkrebs verantwortlich.

 

1.2 Epidemiologie und Ätiologie:

Die Melanominzidenz nimmt weltweit zu, insbesondere bei stark sonnenexponierten hellhäutigen Bevölkerungsgruppen [Grin-Jorgensen et al. 1992, Marks & Kopf 1995, Sober et al. 1991]. In einigen ethnischen Gruppen (Asiaten, Afrikaner) sind sie hingegen selten und nahezu ausschließlich im Schleimhautbereich oder palmoplantar lokalisiert. Individuen mit hoher Nävus-Zahl und Träger von Melanomvorläufern (sog. dysplastische Nävi, kongenitale Nävi) sind besonders gefährdet. Polygene Erbfaktoren können zur familiären  Häufung führen (sog. FAMMM: familial atypical multiple mole melanoma syndrome) [Albert et al. 1990, Garbe et al. 1994a, Garbe et al 1994b, Greene et al. 1985, Holly et al. 1987, Krüger et al. 1992]. Neben diesen konstitutionellen Faktoren spielt unter den exogenen Einflußgrößen die UV-Belastung eine zentrale Rolle. Kontrovers wird die Bedeutung toxischer, medikamentöser oder endokriner Einflüsse (z.B. Gravidität, Kontrazeptiva) beurteilt. Zahlreiche Beispiele (Spontanremissionen, aggressive Verläufe bei Immunsupprimierten) belegen die Bedeutung immunologischer Faktoren in der Tumorprogression dieser Neoplasie [Kaufmann et al. 1989, Tilgen & Kaufmann 1995]. 

 

1.3 Klinik und Histologie:

Klinisch und histologisch lassen sich verschiedene Melanomtypen voneinander unterscheiden (Tabelle 1). Einige Typen sind jedoch nicht klassifizierbar oder repräsentieren Mischformen. Klinische Sonderformen sind z.B. amelanotische Melanome, Schleimhaut- oder andere extrakutane Melanome, die etwa 5 % aller Melanome ausmachen [Barnhill et al. 1993, Kaufmann et al. 1989, Koh 1991].

Das  superfiziell spreitende Melanom (SSM) beginnt mit einer intraepidermalen horizontalen Ausbreitungsphase zunächst als Fleck, entwickelt sich dann  invasiv flach erhaben, häufig mit farblicher Vielfalt, hellen Regressionszonen und sekundär knotigen Anteilen. Histologisch charakteristisch ist ein pagetoides Muster der intraepidermalen Tumorkomponente im Randbereich. Das Lentigo-maligna-Melanom entsteht oft erst nach vielen Jahren aus einer Lentigo maligna (in-situ Melanom) nahezu ausschließlich im Gesichtsbereich älterer Patienten. Das akral-lentiginöse (akrolentiginöse) Melanom findet sich vorwiegend palmoplantar, aber auch als sub- oder periunguales Melanom. Es zeichnet sich in seiner intraepidermalen Frühpase meist durch unscharf begrenzte, inkohärente  Pigmentierungen aus, ehe die knotigen  Anteile das invasive Wachstum signalisieren. Das noduläre Melanom imponiert hingegen als primär knotiger, exophytischer, überwiegend schwarzbrauner, häufig erosiv-blutiger  Tumor, dem eine initiale horizontale Wachstumsphase und damit die Möglichkeit zur Frühdiagnose  fehlt. 

 

Tabelle 1. Klinisch-histologische Subtypen kutaner maligner Melanome im deutschsprachigen Raum. Ergebnisse des Zentralregisters Malignes Melanom 1983 - 1995 (n = 30.015)

Typ

Abkürzung

Prozentualer
Anteil

Medianes
Alter

Superfiziell spreitendes Melanom

SSM

57,4 %

51 Jahre

Noduläres Melanom

NM

21,4 %

56 Jahre

Lentigo-maligna-Melanom

LMM

8,8 %

68 Jahre

Akral-lentiginöses Melanom

ALM

4,0 %

63 Jahre

Nicht klassifizierbares Melanom

UCM

3,5 %

54 Jahre

Sonstige

 

4,9 %

54 Jahre

 

 

1.4 Prognose und Stadieneinteilung:

Ca. 90 % aller malignen Melanome kommen derzeit als Primärtumor ohne erkennbare Metastasierung zur ersten Diagnose. Die 10-Jahres-Überlebensrate im Gesamtkollektiv beträgt ca. 75-80 %. Die wichtigsten prognostischen Faktoren beim primären malignen Melanom ohne Metastasen sind nach neueren Studien folgende [Balch et al 1992, Barnhill et al 1993, National Instituts of Health 1992, Garbe et al. 1995]:

  • Die vertikale Tumordicke nach Breslow am histologischen Präparat (< 0,75 mm: ca. 97 % 10-Jahres-Überlebensrate (10-JÜR); 0,76-1,5 mm: ca. 90 % 10-JÜR; 1,5-4 mm ca. 65 % 10-JÜR; > 4 mm: ca. 50% 10-JÜR),
  • der Invasionslevel nach Clark (insb. die Unterscheidung zwischen Level II und III),
  • der klinisch-histologische Typ (ungünstig: primär noduläre Melanome und akrolentiginöse Melanome),
  • das Geschlecht (signifikant schlechtere Prognose für Männer), und
  • die Tumorlokalisation (ungünstige Prognose für oberen Stamm, Oberarme, Hals und behaarten Kopf).
  • Das Vorhandensein einer Ulzeration.

 

Das maligne Melanom kann sowohl primär lymphogen als auch primär hämatogen metastasieren. Etwa 2/3 aller Erstmetastasierungen sind zunächst auf das regionäre Lymphabflußgebiet beschränkt. Eine

  • Satelliten-Metastasen (bis 2 cm um den Primärtumor), sowie mit lokalen Rezidiven nach Entfernung des Primärtumors mit ungenügendem Sicherheitsabstand,
  • In-transit-Metastasen (in der Haut bis zur ersten LK-Station) und mit
  • regionären Lymphknotenmetastasen.

 

Tabelle 2. TNM-Klassifikation des Melanoms (UICC 1987 und gleichlautend UICC 1997)

pT

Primärtumor*

pTX

Primärtumor kann nicht beurteilt werden

pT0

kein Primärtumor

pTis

Melanoma in situ (Clark-Level I)

pT1

Tumordicke < 0,75 mm und Clark-Level II

pT2

Tumordicke 0,76 - 1,5 mm und/oder Clark-Level III

pT3a

Tumordicke 1,51 - 3,0 mm und/oder Clark-Level IV

pT3b

Tumordicke 3,01 - 4,0 mm und/oder Clark-Level IV

pT4a

Tumordicke > 4,0 mm mm und/oder Clark-Level V

pT4b

Satelliten innerhalb von 2 cm vom Primärtumor

 * Bei Diskrepanzen zwischen Tumordicke und Clark-Level richtet sich die pT-Kategorie nach dem jeweils ungünstigsten Befund.

 

N

Regionäre Lymphknoten

NX

Regionäre Lymphknoten können nicht beurteilt werden

N0

Keine regionären Lymphknotenmetastasen

N1

Metastase(n) 3 cm oder weniger in größter Ausdehnung in irgendeinem regionären Lymphknoten

N2

Metastase(n) mehr als 3 cm in größter Ausdehnung in irgendeinem regionären Lymphknoten und/oder In-transit-Metastasen*

N2a

Metastase(n) mehr als 3 cm in größter Ausdehnung

N2b

In-transit-Metastase(n)

N2c

Metastase(n) mehr als 3 cm in größter Ausdehnung und In-transit-Metastase(n)

 * In-transit-Metastasen sind Metastasen der Haut oder Subkutis, die mehr als 2 cm vom Primärtumor entfernt, aber nicht jenseits der regionären Lymphknoten liegen.

 

M

Fernmetastasen

MX

Das Vorliegen von Fernmetastasen kann nicht beurteilt werden

M0

Keine Fernmetastasen

M1a

Befall von Haut, Subkutis oder Lymphknoten jenseits der regionären LK

M1b

Viszerale Metastasen

 

Tabelle 3. Stadieneinteilung (UICC 1992) des Melanoms [Hermanek P & Sobin LH 1992]

Stadium I

pT1, pT2

N0

M0

Stadium II

pT3

N0

M0

Stadium III

pT4
jedes p

N0
N1, N2

M0
M0

Stadium IV

jedes pT

jedes N

M1

 

Die 10-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit beträgt bei Patienten mit Satelliten- und In-transit-Metastasen ca. 25-40 % und bei Patienten mit klinisch manifesten regionären LK-Metastasen ca. 15-30 %. Bei Fernmetastasierung ist die Prognose in der Regel infaust, die mediane Überlebenszeit ohne Behandlung beträgt nur ca. 4-6 Monate.

Von der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft wurde eine besser Prognose-orientierte Stadieneinteilung empfohlen, die auch die Ausbreitung des Tumors jeweils eindeutig erkennen läßt. Die im Stadium III der UICC zusammengefaßten Gruppen werden aufschlüsselt (Tabelle 4).

 

Tabelle 4. Stadieneinteilung nach den Empfehlungen der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft [Orfanos et al. 1994]

 

 

 

 

10-J-
Überlebensrate

Stadium IA

pT1  (< 0,75 mm)*

N0

M0

97 %

Stadium IB

pT2  (0,76 - 1,5 mm)*

N0

M0

90 %

Stadium IIA

pT3  (1,51 - 4,0 mm)*

N0

M0

67 %

Stadium IIB

pT4  (> 4,0 mm)*

N0

M0

43 %

Stadium IIIA

pTa, pTb**

N0

M0

28 %

Stadium IIIB

jedes pT

N1, N2

M0

19 %

Stadium IV

jedes pT

jedes N

M1

3 %

*Die pT-Klassen werden nach der vertikalen Tumordicke nach Breslow festgelegt, nur bei fehlender Tumordickenangabe wird der Invasionslevel nach Clark in Anlehnung an die TNM-Klassifikation herangezogen.

**Satelliten-Metastasen werden als pTa und In-transit-Metastasen als pTb bezeichnet

 

Tabelle 5. Vergleichende Darstellung der Stadieneinteilung der DDG und der UICC

 

Nur Primärtumor, ohne regionäre oder Fernmetastasen

Tumordicke

Invasions
level

DDG-pT

DDG-Stadium

UICC-pT

UICC-
Stadium

< 0,75

II

pT1

IA

pT1

I

 

III

pT1

IA

pT2

I

0,76-1,50

II

pT2

IB

pT2

I

 

III

pT2

IB

pT2

I

 

IV

pT2

IB

pT3

II

1,51-4,00

III

pT3

IIA

pT3

II

 

IV

pT3

IIA

pT3

II

 

V

pT3

IIA

pT4a

III

> 4,00

III, IV, V

pT4

IIB

pT4a

III

unbekannt

II

pT1

IA

pTx

unbekannt

 

III

pT2

IB

pTx

unbekannt

 

IV

pT3

IIA

pTx

unbekannt

 

V

pT4

IIB

pTx

unbekannt

 

Tumore mit regionären Metastasen ohne Fernmetastasen

Satelliten-
Metastasen

In-transit-
Metastasen

Region. LK-
Metastasen

DDG-pTN

DDG-
Stadium

UICC-
pTN

UICC-
Stadium

ja

nein

nein

pT1a-4aN0

IIIA

pT4bN0

III

nein

ja

nein

pT1b-4bN0

IIIA

pT1-4aN2b

III

ja

ja

nein

pT1b-4bN0

IIIA

pT4bN2b

III

ja oder nein

ja oder nein

ja

jed. pT N1,2

IIIB

jed. pT N1-2c

III

 

Tumore mit Fernmetastasen

 

 

 

DDG-pTN

DDG-
Stadium

UICC-
pTN

UICC-
Stadium

 

 

 

jed. pTN M1

IV

jed. pTN M1

IV


 

2. Diagnostik

Pigmentläsionen werden zur klinischen Abgrenzung von einem malignen Melanom nach der sogenannten A-B-C-D Regel beurteilt [Kaufmann et al. 1995, Garbe 1996]:

  • A = Asymmetrie des Aufbaus;
  • B = Begrenzung unregelmäßig;
  • C = Colorit inhomogen;
  • D = Durchmesser > 5 mm.

 

Zur differentialdiagnostischen Abklärung soll heute in jedem Fall die Auflichtmikroskopie herangezogen werden, die beim geschulten Untersucher die Sensitivität der Diagnose auf ca 90 % erhöht (Tabelle 6) [Koh 1991]. Eine Exzisionsbiopsie bei fraglicher Melamdiagnose soll dreidimensional im Gesunden erfolgen, im Falle der Diagnosebestätigung wird möglichst innerhalb eines Monats mit dem adäquaten Sicherheitsabstand nachexzidiert. Die klinische Verdachtsdiagnose eines Melanoms bedarf stets der histologischen Bestätigung. Bei histologisch unklaren Tumoren, amelanotischen Tumoren oder vermuteten Melanommetastasen dient die immunophänotypische Charakterisierung (S-100 Protein, HMB-45 Antigen) als Entscheidungshilfe.

 

  • Pigmentnetzwerk: unregelmäßig, abrupter Abschluß in der Peripherie, stark ausgeprägt
  • Diffuse Pigmentierung: Unregelmäßig, inhomogen, scharf begrenzt
  • Depigmentierungen: Unregelmäßig verteilt
  • Braune Globuli: Unregelmäßig verteilt, in Form und Größe variierend
  • Black dots:Unregelmäßig verteilt, in Form und Größe variierend
  • Radiales Strömen: vorhanden
  • Pseudopodien: vorhanden
  • Grau-blauer oder weißlicher Schleier: vorhanden

 

Wichtig ist der Ausschluß unabhängiger Zweitmelanome oder weiterer Melanomvorläuferläsionen sowie ihre Beurteilung (Kongenitale Nävi, Lentigo-maligna, atypische melanozytäre Nävi, gewöhnliche melanozytäre Nävi). Für alle invasiven Melanome (ausgenommen die in-situ Melanome) sollen zusätzliche Ausgangsuntersuchungen durchgeführt werden: Die Laboruntersuchungen beinhalten BSG, Blutbild, LDH, alkalische Phosphatase und Leberenzyme. Die Ausbreitungsdiagnostik umfaßt eine Lymphknotensonographie des regionären Abflußgebietes, eine Röntgen-Thoraxaufnahme (2 Ebenen), die Sonographie des Abdomens einschließlich Becken und Retroperitoneum. Diese Untersuchungsbefunde sind auch bei dünnen Tumoren geeignet, Abnormalitäten wie Leberzysten etc bereits initial zu erkennen und bei späterer Feststellung aufwendige Untersuchungen z.B. zum Ausschluß von zystischen Metastasen zu vermeiden. Bei "high-risk" Melanomen (Tumordicke > 1,5 mm) kann fakultativ zum Metastasenausschluß oder als initiale Vergleichskontrolle ein Schädel-CT und die Skelettszintigraphie durchgeführt werden. Bei diesen Melanomen können für die Ausbreitungsdiagnostik auch CT-Thorax und CT-Abdomen fallweise nützlich sein. Die Wertigkeit der Positronen-Emissions-Tomographie als Alternative zu den konventionellen Staginguntersuchungen wird gegenwärtig überprüft. Zusätzliche Maßnahmen (z.B. Punktionszytologie) erfolgen nach klinischer Fragestellung.


 

3. Operative Therapie

Bei klinischer oder exzionsbioptisch gesicherter Diagnose eines malignen Melanoms ist die Therapie von Tumoren ohne klinisch erkennbare Metastasen primär operativ. Präoperativ sollte die Tumorausdehnung mit hochauflösendem Ultraschall (20 Mhz) vermessen werden Die Wahl des Sicherheitsabstandes der Exzision gestaltet sich variabel in Abhängigkeit vom Metastasierungsrisiko (Tabelle 7). Bei Patienten mit dünneren Melanomen sind ausgedehnte Eingriffe nicht notwendig, und bei Patienten mit dickeren Primärtumoren bleibt ein radikales operatives Vorgehen ebenfalls ohne Einfluß auf das Risiko der Fernmetastasierung [Balch et al. 1993, Fischer 1985, Ho & Sober 1990, Johnson et al. 1995, Kaufmann et al. 1995, Veronesi & Cascinelli 1991]. Allerdings ist ein zu kleiner Abstand möglicherweise mit dem Risiko von vermehrten Lokalrezidiven verbunden. Tabelle 7 zeigt die Vorgehensweise bei abgestufter Exzisionsstrategie, wie sie gegenwärtig in unterschiedlich modifizierter Weise an vielen Zentren praktiziert wird und meist Eingriffe in Lokalanästhesie mit Defektversorgung durch lokale Lappenplastiken ermöglicht.

 

Tabelle 7: Exzisionsstrategie im klinischen Stadium des Primärtumors *

Tumordicke

Sicherheitsabstand *
(in situ gemessen)

MM in situ

0,5 cm

Breslow  <= 1 mm

1 cm

Breslow  > 1 - <= 4 mm

2 cm

Breslow  > 4 mm

3 cm

 * Bei Vorliegen zusätzlicher Risikofaktoren (z.B. Ulzeration, Regression) wird die Wahl des nächsthöheren Sicherheitsabstandes empfohlen

 

Beim Lentigo-maligna-Melanom kann bei Einsatz der mikrographischen Chirurgie im Paraffinschnitt-Verfahren ein reduzierter Sicherheitsabstand angewandt werden.

Im klinischen Stadium IIIA (DDG, Satelliten- und/oder In-transit-Metastasen) erfolgt möglichst die operative Entfernung aller Filiae im Gesunden, bei lymphknotenbenachbarter Lage zusätzlich eine Kontinuitätsdissektion, bei lymphknotenferner Lage wird die diskontinuierliche Lymphadenektomie empfohlen [Cochran et al 1992, Evans 1995, Harris et al. 1995, Ross 1994, Veronesei & Cascinelli 1991]. Im Extremitätenbereich ist die hypertherme Zytostatikaperfusion in therapeutischer Indikation nach Entfernung des Primärtumors zu erwägen [Lejeune et al 1993].

Im klinischen Stadium IIIB (DDG, regionäre Lymphknotenmetastasen) erfolgt die radikale Lymphadenektomie, ggf. als En-bloc-Resektion zusammen mit noch vorhandenem Primärtumor und dem regionalen Lymphknotenabflußgebiet [Karakousis 1992, Stone, Goodacre, 1995].

Im klinischen Stadium IV (Fernmetastasen) sollten einzelne oder einige wenig Metastasen in einem Organ soweit möglich komplett entfernt werden. Die Meinungen über Metastasenentfernungen im Sinne einer Tumormassenreduktion sind kontrovers [Overett, Shiu, 1985; Houghton, Balch 1992; Göhl et al. 1997].


 

4. Adjuvante Therapie

Bei Melanomen mit hohem Metastasierungsrisiko (Tumordicke 1,5 mm und mehr) wird in verschiedenen Studien der Nutzen adjuvanter Maßnahmen geprüft (elektive Lymphadenektomie, lymphabflußszintigraphisch kontrollierte Kontinuitätsdissektionen, hypertherme Extremitätenperfusion mit Zytostatika, Chemoimmunotherapie u.a.). Im klinischen Stadium IIIB (regionäre Lymphknotenmetastasen) wurde über eine signifikante Lebensverlängerung nach Behandlung mit IFN-a berichtet [Kirkwood et al. 1996]. In adjuvanter Therapiesituation sollen die Patienten nach Möglichkeit in kontrollierte Studien eingebracht werden, die in der gegenwärtigen Situation einen Beobachtungsarm enthalten sollten.


 

5. Strahlentherapie

Die Radiatio kommt im Stadium des Primärtumors bei inoperablen Patienten mit Lentigo-maligna-Melanomen in Betracht. Sie wird palliativ als Therapie der Wahl bei cerebralen Filiae und Skelettbefall empfohlen [Sack 1996]. Bei inoperablen Lymphknotenmetastasen bzw. makroskopischen Tumorresten nach Operation erreicht die lokale Strahlenbehandlung eine langfristige lokale Tumorkontrolle in über 70 % der Fälle [Burmeister et al., 1995]. Es werden Dosierungen zwischen 40 und 60 Gy bei Einzeldosierung zwischen 2,0 und 4,0 Gy empfohlen [Burmeister et al., 1995]. Eine höhere Ansprechrate auf Erhöhung der Einzeldosis wurde vermutet, konnte jedoch in einer randomisierten Studie nicht bewiesen werden [Sause et al., 1995]. Der zusätzliche Einsatz der Hyperthermie scheint bei rezidivierenden bzw. metastatischen und inoperablen Tumoren eine Verbesserung der lokalen Tumorkontrolle zu erreichen [Overgaard et al., 1996]. Bei solitären cerebralen Metastasen erbringt die Resektion gefolgt von einer Strahlenbehandlung des Ganzhirns bzw. die stereotaktische Einzeitbehandlung als Alternative zur Operation eine Verlängerung der Überlebenszeit von median 4 auf 14 Monate [Stevens et al., 1992; Coffey et al., 1991].


 

6. Chemotherapie

Bei Vorliegen von Fernmetastasen werden Patienten überwiegend unter palliativen Gesichtspunkten therapiert. Therapeutische Bemühungen sind daher im Hinblick auf die Erhaltung der Lebensqualität kritisch zu würdigen. Generell sprechen Metastasen der Haut, der Weichteile, Lymphknoten und Lunge ("limited disease") besser auf eine Chemotherapie  an als viszerale-, Skelett- oder Hirnmetastasen ("extensive disease") [Kaufmann et al 1995].

Als Standard in der systemischen Behandlung gilt nach wie vor, insbesondere bei Patienten in bereits reduziertem Allgemeinzustand, die Mono-Chemotherapie mit Dacarbazin. Die Ansprechrate liegt etwa zwischen 14 und 33 %, die subjektive Verträglichkeit konnte seit Einführung neuer Antiemetika (HT3-Antagonisten) ganz entschieden verbessert werden. Bei Frauen scheint die zusätzliche Verabreichung des Östrogenantagonisten Tamoxifen (20mg/m² tgl.) eine Erhöhung der Remissionsraten bei DTIC-therapierten Melanompatienten zu bewirken [Cocconi et al 1992]. Fotemustin wird alternativ bei Hirnmetastasen eingesetzt (Tabelle 8.1) [Kleeberg et al. 1995, Sarkany & Dubois 1994].

Alternativ stehen insbesondere Kombinationschemotherapien mit höherer Remissionsrate zwischen 25 und 55 % und evtl. verlängerter Überlebensdauer der Responder zur Verfügung, z.B. das BHD-Schema, das BOLD-Schema, das DVP-Schema oder das DBCT-Schema (Tabelle 8.2).

 

Tabelle 8: Chemotherapie des Malignen Melanoms [Garbe 1993, Johnson et al. 1995, Tilgen 1995]

 

1. Monotherapien

 

Dosierung

Ansprechraten

Dacarbazin

250 mg/m² i.v. Tag 1-5 alle 3-4 Wochen
oder
850 mg/m² i.v. Tag 1 alle 3-4 Wochen

14-33 %

Vindesin

3 mg/m² i.v. alle 2 Wochen

15-20 %

Fotemustin

100 mg/m² i.v. Tag 1, 8 und 15
dann 5 Wochen Pause
Fortsetzung alle 3 Wochen

10-47 % (auch bei Hirnmetastasen)

 

2. Polychemotherapien

 

Dosierung

Ansprechraten

BHD-Schema
(Constanzi et al. 1975)

BCNU 150 mg/m² i.v. Tag 1,
  nur jeden 2. Zyklus
Hydroxyurea 1500 mg/m² p.o. Tag 1-5
DTIC 150 mg/m² i.v. Tag 1-5
  alle 4 Wochen

13-31 %

BOLD-Schema
(Seigler et al. 1980)

Bleomycin 15 mg i.v. Tag 1+4
Vincristin 1 mg/m² i.v. Tag 1+5
CCNU 80 mg/m² p.o. Tag 1
DTIC 200 mg/m² i.v. Tag 1-5
  alle 4 - 6 Wochen

4-46 %

DVP-Schema
(Gunderson et al. 1987)

(Verschraegen et al. 1988)

DTIC 250 mg/m² i.v. Tag 1-5
Vindesin 3 mg/m² i.v. Tag 1
Cisplatin 100 mg/m² i.v. Tag 1
  oder
DTIC 450 mg/m² i.v. Tag 1+8
Vindesin 3 mg/ m² i.v. Tag 1+8
Cisplatin 50 mg/ m² i.v. Tag 1+8
  alle 3-4 Wochen

24-44 %

DBCT-Schema
(McClay et al. 1987)

DTIC 220 mg/ m² i.v. Tag 1-3
BCNU 150/ m² i.v. Tag 1
  nur jeden zweiten Zyklus
Cisplatin 25 mg/ m² i.v. Tag 1-3
Tamoxifen 2x 10 mg p.o. täglich
  alle 3 - 4 Wochen

29-55 %


 

7. Immuntherapie und Immunochemotherapie

Die bisherigen Ergebnisse mit verschiedenen passiv unspezifischen sowie aktiv spezifischen und unspezifischen "immunmodulierenden" Verfahren können eine routinemäßige Gabe bei Melanompatienten derzeit noch nicht rechtfertigen. Auch die Zytokinmonotherapie (IL-2, Interferon-a) hat enttäuscht. Der mögliche Nutzen ihrer adjuvanten Gabe wird ebenso wie die adoptive palliative Immuntherapie mit IL-2 und lymphokinaktivierten Killerzellen (LAK) oder tumorinfiltrierenden Lymphozyten weiterhin überprüft.

Das Spektrum der Chemoimmuntherapien reicht von gut verträglichen Zweier-Kombination bis zu toxischen Vielfach-Kombinationen. Für die erstgenannten Kombination werden Ansprechraten zwischen 6 und 53 %, für Mehrfachkombinationen Ansprechraten zwischen 30 und 73 % berichtet (Tabelle 9). Es gibt Hinweise dafür, daß die Zugabe von Interferon-a und/oder IL-2 zu klassischen Chemotherapien zu einer Verlängerung des Überlebens führen kann, ohne daß sich diese Wirkung jeweils in einer Erhöhung der Remissionsraten ausdrückt. In Tabelle 9 werden Therapieschemata zusammengestellt, die aus aktuellen Studienergebnissen entnommen sind, oder zur Zeit noch erprobt werden. Eine Entscheidung über das optimale Schema unter diesen vorgeschlagenen Vorgehensweisen kann derzeit noch nicht getroffen werden. Die hohen Ansprechraten aus einigen monozentrischen amerikanischen Studien wurden noch nicht in größeren multizentrischen Studien überprüft, auch ein Vorteil hinsichtlich des Überlebens bleibt noch zu zeigen.

 

Tabelle 9: Kombinierte Immunochemotherapie des Malignen Melanoms

 

Dosierung

Ansprechraten

DTIC + IFN-a
(Falkson et al. 1991)

DTIC 200 mg/m² i.v. Tag 22-25
IFN-a 15 Mio. I.E./m² i.v. Tag 1-5
über 3 Wochen, dann
10 Mio. I.E./m² s.c. 3x wöchentl.
Wdh. Tag 28

53 %

DTIC + IFN-a
(Thomson et al. 1993)

DTIC 200-800 mg/m² i.v. Tag 1 eskalierend
IFN-a 3 Mio. I.E. s.c. Tag 1-3
9 Mio. I.E. s.c. Tag 4-70
9 Mio. I.E. s.c. 3x wöchentl.
Wdh. Tag 21

21 %

BCNU + DTIC + CDDP
 + TAM + IFN-a + IL-2 (Richards et al. 1993)

BCNU 150 mg/m² i.v. Tag 1
DTIC 220 mg/m² i.v. Tag 1-3, 22-25
CDDP 25 mg/m² i.v. Tag 1-3, 22-25
TAM 10 mg p.o. 2x tgl. 6 Wochen
IL-2 1,5 Mio. I.E./m² i.v. 3 x täglich
       Tage 4-8, 17-21 IFN-a 6 Mio. I.E./m² s.c. Tage 4-8, 17-21
Wdh. Tag 21

57 %

CDDP + DTIC + Vinblastin + IFN-a + IL-2
(Legha et. al. 1994)

CDDP 20 mg/m² i.v. Tag 1-4
Vinblastin 1,6 mg/m² i.v. Tag 1-4
DTIC 800 mg/m² i.v. Tag 1
anschließend
IL-2 3 Mio. I.E./m²/24 h i.v. 4 Tage
IFN-a 5 Mio. I.E./m² s.c. 5 Tage
Wdh. Tag 21

73 %

TIC + IFN-a

vs.

DTIC + IFN-a + IL-2
(ADO 1/95)

DTIC 850 mg/m² i.v. Tag 1
IFN-a 2 x 3 Mio. I.E./m² s.c. Tag 1
IFN-a 3 Mio. I.E./m² s.c. Tag 2-5
IL-2 5 Mio. I.E./m² /3 h i.v. Tag 3
        10 Mio. I.E./m² /24 h i.v.
         5 Mio. I.E./m² s.c. Tag 4-7
IFN-a 5 Mio. I.E./m² s.c. 3x wöchentl. im Intervall, Wdh. Tag 28

laufendes
Studienprotokoll

DTIC + CDDP + IFN-a,

vs.  

DTIC + CDDP 
+ IFN-a + IL-2
(EORTC 18951)

DTIC 250 mg/m² i.v. Tag 1-3
CDDP 30 mg/m² i.v. Tag 1-3
IFN-a 10 Mio. I.E./m² s.c. Tag 1-5
IL-2 18 Mio IE/m² /6 h i.v. Tag 4
        18 Mio IE /m² /12 h i.v.
        18 Mio IE /m² /24 h i.v.
       4,5 Mio IE /m² /24 h über 3 T.
Wdh. Tag 28

laufendes
Studienprotokoll


 

8. Nachsorge

Der Umfang und die Frequenz der Nachsorgeuntersuchungen orientiert sich analog dem therapeutischen Vorgehen an den initialen Tumorparametern bzw. dem Tumorstadium. Die Nachsorge ist in den ersten 5 postoperativen Jahren intensiv zu gestalten, da hier 90 % der Metastasen auftreten. Spätmetastasen sind jedoch nicht ungewöhnlich [Levy et al. 1991], so daß generell eine Nachsorge über 10 Jahren empfohlen wird. Dies trägt auch dem erhöhten Risiko des Auftretens von Zweitmelanomen Rechnung. Die Deutsche Dermatologische Gesellschaft [Orfanos et al. 1994] hat 1994 das in Tabelle 10 dargestellte Nachsorgeschema empfohlen. Harte Daten, die die Notwendigkeit dieser engmaschigen Nachsorge anhand besserer Heilungsraten beweisen, liegen allerdings nicht vor. Richtlinien zur Nachbeobachtung in der Schweiz, in den Niederlanden und in den USA sehen weniger intensive Schemata vor [Eggermont 1996].

 

Tabelle 10: Tumornachsorge bei Melanompatienten [Orfanos et al. 1994]

Risikogruppe

Klinische Untersuchung
Inspektion u. LK-Status

LK-
Sonographie

Thorax-
Röntgen

Abdomen-
Sonographie

Melanoma in-situ

1 x jährlich

---

---

---

MM mit niedrigem Metastasierungs-
risiko Stad. I + IIA (DDG)

bis zum 3.-5.Jahr
vierteljährlich
danach halbjährlich

jährlich

jährlich

jährlich

MM mit hohem Metastasieruns-
risiko und  MM mit regionären Metastasen
Stad. IIB und IIIA,B  (DDG)

bis zum 3.-5.Jahr
vierteljährlich
danach
halbjährlich

bis zum 5.Jahr halbjährlich,
danach jährlich

bis zum 5.Jahr halbjährlich,
danach jährlich

bis zum 5.Jahr halbjährlich,
danach jährlich

MM mit Fernmetastasen
Stad. IV (DDG)

Kontrollen gemäß individuellem Verlauf

Kontrollen gemäß individuellem Verlauf

Kontrollen gemäß individuellem Verlauf

Kontrollen gemäß individuellem Verlauf


 

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Die "Leitlinien" der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft und des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen e.V. sind Empfehlungen für ärztliches Handeln in charakteristischen Situationen. Sie schildern ausschließlich ärztlich-wissenschaftliche und keine wirtschaftlichen Aspekte. Die "Leitlinien" sind für Ärzte unverbindlich und haben weder haftungsbegründende noch haftungsbefreiende Wirkung.