Lichtschutz nicht als wichtig erachtet

Von Dennis Betzholz

Hamburg hat mit dem Tabea-Krankenhaus sein erstes Hautkrebszentrum. Chefarzt Guido Bruning erklärt, warum es jedes Jahr 3000 Neuerkrankungen gibt

Exakt 565 Stunden schien die Sonne im vergangenen Jahr über Hamburg. Nur im Saarland und in Nordrhein-Westfalen war das Wetter noch trostloser. Und auch in diesem Jahr ist die Vorstellung nicht eben exzellent. Aber dennoch steigen – über mehrere Jahre hinweg gesehen – die Fälle von Hautkrebs, der längst die meistverbreitete Krebsart in Deutschland ist. Allein Hamburg verzeichnet jedes Jahr 3000 Neuerkrankungen. Das Tabea-Krankenhaus ist vor Kurzem als Hautkrebszentrum zertifiziert worden. Es ist damit das erste in Hamburg. Ein Gespräch mit Chefarzt Guido Bruning über alte Sünden und hartnäckige Mythen.

Jedes Jahr erkranken laut Krebsregister in Hamburg etwa 20 von 100.000 Menschen an schwarzem Hautkrebs, vor zehn Jahren waren es noch 13.

Warum steigt die Zahl der Neuerkrankungen so rasant?

Für den schwarzen Hautkrebs gilt nur eine Ursache als sicher: die Zahl der Sonnenbrände in der Kindheit. Die Generation, die heute zu unseren Patienten zählt, ist in den 70er- und 80er-Jahren viel in den Urlaub gefahren und hat das Thema Lichtschutz noch nicht als derart wichtig erachtet. Auch beim weißen Hautkrebs sprechen wir von einem Tumor, der häufiger im Alter auftritt – vor allem bei Menschen zwischen 60 und 70 Jahren. Und da die Menschen immer älter werden, behandeln wir auch immer mehr Patienten mit diesem Hautkrebs.

Wie viel Sonnencreme muss ich denn in Hamburg auftragen, um ausreichend geschützt zu sein?

Lichtschutz ist Geschmackssache, das sieht jeder anders. Ich bin eher ein Fan von hohen Lichtschutzfaktoren, weil wir in der Regel nicht die Mengen an Sonnencreme auftragen, die es bräuchte, um den auf der Tube genannten Lichtschutzfaktor zu erreichen. Wenn Sie nur die Hälfte der nötigen Menge auftragen, reduziert sich der Lichtschutz auf ein Viertel des angegebenen Wertes. In Hamburg käme man eigentlich mit einem Lichtschutzfaktor von 15 bis 20 hin, aber ich empfehle Lichtschutzfaktor 30, um die unbewusste Sparsamkeit auszugleichen.

Muss ich mich nach einem Sonnenbrand sofort vor Hautkrebs fürchten?

Die akute Sonneneinstrahlung im Sommer ist für Erwachsene sicher nicht zuträglich, aber sie löst den schwarzen Hautkrebs nicht aus. Beim weißen Hautkrebs ist das anders: Der kann, je nach Tumorart, sowohl durch die Anzahl der intensiven Sonnenbestrahlung im Laufe des Lebens entstehen als auch durch die Gesamtmenge an Sonne, die der Körper über Jahrzehnte aufgenommen hat. Wenn wir also ständig ungeschützt für längere Zeit vor die Tür gehen oder beruflich der Sonne ausgesetzt sind, wie zum Beispiel Bauarbeiter oder Bauern, haben wir ein erhöhtes Risiko, diesen Hautkrebs zu entwickeln. Er ist sogar als Berufskrankheit anerkannt. Aber: Ein Sonnenbrand allein löst keinen Hautkrebs aus. Da muss der Betroffene schon in den Jahren zuvor viel Sonne eingesammelt haben.

Ist es angesichts dieser hohen Fallzahlen in Hamburg nicht überraschend, dass sich erst jetzt ein Hautkrebszentrum etabliert?

Es gab in Norddeutschland drei Hautkrebszentren, in Buxtehude, Kiel und Lübeck. Die Hamburger Hautkliniken – das Universitätsklinikum Eppendorf, die Asklepios Klinik St. Georg und das Bundeswehrkrankenhaus – haben sich nie zertifizieren lassen. Aber das werden sie sicher noch nachholen.

Was zeichnet denn ein Hautkrebszentrum im Vergleich zu anderen spezialisierten Kliniken aus?

Wir arbeiten interdisziplinär. Die Zeiten sind vorbei, dass eine Tumorbehandlung die One-Man-Show einer Fachdisziplin ist. Es ist wichtig, dass die Fachdisziplinen, die für die Betreuung des Patienten zuständig sind, miteinander sprechen und gemeinsam den Therapieplan für den Patienten entwickeln. Es ist nicht damit getan, den Tumor herauszuschneiden, schließlich bleibt das Risiko, dass der Tumor weiter wächst oder streut. Bei uns sitzen der Operateur, der internistische Hämatoonkologe, der diagnostische Radiologe und der Strahlentherapeut jeden Montag während einer Tumorkonferenz zusammen. Das ist allerdings nur die medizinische Betreuung.

Was kommt dann?

Der Patient realisiert erst im Laufe der Zeit, was für ein Einschlag diese Diagnose Krebs überhaupt für ihn bedeutet. Für viele ist das ein Schnitt im Leben, nach dem ihnen klar wird, dass das Leben endlich ist. Deshalb muss jeder unserer Patienten schriftlich die Frage beantworten, wie sehr er sich von dem Tumor belastet fühlt. Diejenigen, die das belastet, bekommen von uns eine psychoonkologische Hilfe angeboten.

Ist denn Hautkrebs im Vergleich zu anderen Krebsarten leicht zu heilen?

Wir behandeln jedes Jahr 1000 Patienten stationär, davon 60 mit schwarzem Hautkrebs. Über 95 Prozent können wir heilen, wenn man den Krebs früh genug erkennt. Der weiße ist durch eine Operation in der Regel heilbar. Der schwarze ist nicht leichter zu heilen als andere, weil er sehr oft metastasiert und ein Hochrisikotumor ist.

Zum Schluss können Sie mit ein paar Mythen aufräumen: Kleine Muttermale sind immer harmlos.

Das stimmt nicht. Auch ein Melanom (schwarzer Hautkrebs) fängt klein an, und je eher man es entdeckt, desto besser ist es. Der Laie sollte sich die Theorie des hässlichen Entleins merken: Wenn Sie zwanzig Muttermale haben und eins ist viel dunkler als alle anderen, dann gehen Sie damit mal zum Arzt.

Mythos zwei: Schwarzen Hautkrebs bekommen nur Solariumfans.

Quatsch! In der Kindheit legen sich schließlich noch nicht so viele unters Solarium. (lacht) Wie gesagt: Der schwarze Hautkrebs entsteht vor allem durch Sonnenbrände in Kindertagen.

Der dritte und letzte Mythos: Schwarzer Hautkrebs wächst nur an Stellen, wo auch Sonne hinscheint.

Auch falsch. Schwarzen Hautkrebs gibt es zum Beispiel auch im Auge und in der Mundschleimhaut, wo keine Sonne hingelangt. Wie der entsteht, weiß man noch nicht. Jedenfalls nicht durch Sonneneinstrahlung.

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Von: Dennis Betzholz