Aufbau einer dermatologischen Versorgung in Kambodscha

Seit 23 Jahren lebt und arbeitet der Dermatologe und Tropenmediziner Dr. Christoph Bendick in Kambodscha. Für das „Forum Junge Dermatologen“ berichtet er von seinen Erfahrungen fernab der Heimat und seinem Engagement für die Verbesserung der dermato-venerologischen Versorgung vor Ort.

Von 1980 bis 1987 habe ich in Bonn und Köln Medizin und Ethnologie studiert und bereits frühzeitig kristallisierte sich in den Lehrveranstaltungen ein besonderes Interesse für Aspekte der Gesundheitsfürsorge in den Tropen heraus. Sich für eine Tätigkeit außerhalb Europas in einem Land mit weniger entwickelter medizinischer Infrastruktur zu interessieren, lag daher nahe.

Nach meiner Ausbildung zum Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten unter Professor G.K. Steigleder an der Kölner Universitäts-Hautklinik und dem Abschluss des „Diplomkurs Tropenmedizin“ des Hamburger Bernhard Nocht-Institutes bin ich 1994 als Medizinischer Koordinator des Nationalen Lepraprogramms nach Kambodscha gegangen. Ich hatte das Gefühl, mich hier einer existenzielleren Problematik stellen zu können als in Deutschland, wo die Arbeit zumindest des niedergelassenen Dermatologen zum überwiegenden Teil von weniger gravierenden Anliegen geprägt ist. Aber natürlich spielten auch der Reiz des Fremden, das exotische Ambiente, die herausfordernde jüngere Geschichte Kambodschas und die Bereitschaft, sich unter schwierigen Bedingungen zu beweisen, eine Rolle. Die Tätigkeit im Lepraprogramm Mitte der neunziger Jahre war überwiegend charakterisiert vom Anliegen der WHO, die Lepra weltweit zu eliminieren, insofern wurde die tägliche Routine weniger von der praktischen Patientenversorgung als vom Management und der Koordination eines Nationalen Programms unter Supervision internationaler Experten dominiert. Eine neue, ungewohnte Herausforderung, auf die ich als in Deutschland ausgebildeter Arzt praktisch unvorbereitet war.

Dementsprechend anstrengend und frustrierend konnte der Arbeitsalltag mitunter sein. Aber es war auch eine Zeit intensiven Lernens und Verstehens, wie nationale und internationale Gesundheitsprogramme strukturiert sind. Und natürlich war es befriedigend zu sehen, dass Kambodscha schließlich das Eliminationsziel eher als viele andere Länder erreichen konnte.

Politische und kulturelle Herausforderungen

Vom Lepraprogramm bin ich 1996 als vom Deutschen Akademischen Austauschdienst entsandter Dozent für Haut- und Geschlechtskrankheiten an die Medizinische Fakultät der Universität für Gesundheitswissenschaften in Phnom Penh gewechselt. Nach fünfjähriger Tätigkeit an der Hochschule setzte sich jedoch die Erkenntnis durch, dass sowohl ein fachlich umfassenderer Zugang wie auch ein breiterer Konsens einheimischer Entscheidungsträger und ausländischer Geldgeber erforderlich war, um eine grundsätzliche Verbesserung der dermato-venerologischen Versorgung der kambodschanischen Bevölkerung herbeizuführen.

Hierzu muss man wissen, dass nach mehr als 25 Jahren Diktatur und Bürgerkrieg – eine Periode, die erst mit der endgültigen Zerschlagung der Roten Khmer 1998 endete – die medizinische Infrastruktur Kambodschas umfassend reformbedürftig war. 1975 bis 1979 ist unter dem steinzeitkommunistischen Pol Pot-Regime ein Drittel der kambodschanischen Bevölkerung, unter anderem 95% der Ärzteschaft, ums Leben gekommen – ein Kahlschlag, von dem sich die Medizin bis heute nur unzureichend erholt hat.

Dass die intellektuelle Schicht des Landes vom Säuberungswahn der Roten Khmer in besonderem Umfang betroffen war, spiegelt sich bis heute u.a. bei Studenten und jungen Ärzten wider, die mit der Erwartung, selbständig zu denken und Dinge kritisch zu hinterfragen, vielfach überfordert sind. Man kann sich als Außenstehender wohl gar keine adäquate Vorstellung von den damaligen Verhältnissen und ihren Konsequenzen machen und es wird noch Jahrzehnte dauern, bis dieses nationale Trauma völlig überwunden ist, zumal die offizielle Politik eher auf Vergessen und Verdrängen als auf Bewältigung und Aufarbeitung setzt. Recht anschaulich ist diese Periode aus Sicht eines heranwachsenden Mädchens in dem kürzlich erschienenen Film „Der weite Weg der Hoffnung“ unter Regie von Angelina Jolie beschrieben.

Masterplan Dermatologie

Die Entwicklung der Dermato-Venerologie fügte sich gut in den allgemeinen Impetus einheimischer und ausländischer Interessenvertreter der nuller Jahre ein, die medizinische Versorgung umfassend zu verbessern. In Kooperation mit deutschen, französischen und einheimischen Institutionen wurde daher ein „Masterplan Dermatologie“ entworfen, der die fünf Kernbereiche „Ausbildung von Postgraduierten“, „Aufbau einer Referenz-Hautklinik in Phnom Penh“, „Entwicklung dermatologischer Sprechstunden in den Provinzen“, „Qualitätssicherung“ und „Einbindung dermatologischer Leistungen in die Krankenversicherung“ als besonders relevant definierte. Krankenversichert sind bislang nur sehr wenige Kambodschaner, mit wenigen Ausnahmen müssen alle im Krankheitsfall entstehenden Kosten selbst getragen werden. Viele Patienten haben nicht einmal das Geld für einfache Medikamente, geschweige denn für aufwendigere Behandlungen oder operative Eingriffe.

Die Entwicklung einer für alle Schichten der Gesellschaft erschwinglichen Krankenversicherung ist daher ein Projekt, das seit vielen Jahren unter massiver Beteiligung ausländischer Geldgeber vorangetrieben wird.

Finanziell unterstützt wurden die Aktivitäten im Wesentlichen vom Centrum für Internationale Migration und Entwicklung (CIM), Frankfurt am Main, und der Else Kröner-Fresenius-Stiftung (EKFS), Bad Homburg a.d.H. Seit einigen Jahren sind auch die Deutsche Dermatologische Gesellschaft, die International Foundation for Dermatology und der Deutsche Rotary-Club wesentlich involviert.

Nachhaltigkeit und „Ownership“

Die praktische Umsetzung des „Masterplan Dermatologie“ seit 2005 verlieh meiner Tätigkeit noch mehr den Charakter einer zeitgemäßen Entwicklungszusammenarbeit, bei der es weniger darum geht, praktische medizinische Versorgung zu leisten, als darum, positive Rahmenbedingungen für deren Verwirklichung im Gastland zu schaffen. Ownership und Nachhaltigkeit (Sustainability) sind in diesem Kontext zwei wichtige aufeinander bezogene Kernbegriffe. Der nur unzureichend auf Deutsch übersetzbare englische Begriff Ownership bezeichnet die Identifikation von Menschen mit einem sie betreffenden Vorhaben. Sie gilt als wichtige Vorbedingung für die Effizienz, den Erfolg und die Nachhaltigkeit von Maßnahmen der Entwicklungszusammenarbeit.

Ein Projekt nachhaltig zu entwickeln, bedeutet, erfolgreiche Gestaltungen auf längere Sicht tragfähig zu machen bzw. positive Wirkungen nach Beendigung der Unterstützung von außen fortbestehen zu lassen. Ownership zu fördern bedeutet in meiner täglichen praktischen Arbeit vor allem bei einheimischen Projektpartnern wie dem Gesundheitsministerium, der Universität für Gesundheitswissenschaften, lokalen Dermatologen und Hautkliniken einen Konsens im Hinblick auf die Entwicklung der Dermato-Venerologie zu erzielen und dabei die nicht selten widerstrebenden Interessen auf formaler, fachlicher und finanzieller Ebeneso gut wie möglich zu auszugleichen bzw. miteinander zu verschmelzen. Hierzu bedarf es diplomatischen Geschicks, guter Kontakte und eines Gespürs für interkulturelle Kommunikation. Die anzustrebende Nachhaltigkeit versuche ich vor allem zu sichern durch externe Finanzierung fachlicher Vorhaben, die die einheimischen Partner nicht bezahlen können oder wollen, durch Kontaktpflege mit  ausländischen – vielfach deutschen – Unterstützern, welche technische und personelle Hilfe leisten und die Verankerung der Projektaktivitäten im lokalen AADV (Asian Academy of Dermatology & Venereology)-Kontext, welche auf eine Harmonisierung von klinisch-dermatologischen und Ausbildungs-Standards im südostasiatischen Raum abzielt.

Anhaltende Entwicklung gewährleistet?

Es mag eher befremdlich erscheinen, dass auch in einem Entwicklungsland wie Kambodscha das dermatologische Angebot vielfach geprägt ist von kosmetisch-aesthetischen Leistungen. Im Sinne der zahlreichen Patienten mit teils ernsten Hautkrankheiten versuche ich – nicht immer erfolgreich – die einheimischen Kollegen von der Notwendigkeit der klassischen dermatologischen Praxis zu überzeugen. Leider steht die finanzielle Vergütung hautärztlicher Leistungen in keinem Verhältnis zum Einkommen, welches sich mit Lifestyle-Produkten erzielen lässt.

Das Vorhaben „Aufbau einer dermatologischen Versorgung in Kambodscha“ profitiert zweifellos von der mittlerweile zwölfjährigen intensiven Entwicklungsarbeit, der Anbindung an das lokale medizinische und universitäre Umfeld und mannigfacher externer Unterstützung; darüber hinaus vom Engagement und der Kompetenz des wesentlichen einheimischen Counterparts und Klinikdirektors Professor Sithach Mey, der Facharztausbildung und Promotion in Deutschland absolviert hat. Hiermit sind wichtige Eckpfeiler für eine anhaltende Entwicklung gesetzt. Angesichts gegenwärtig eher ungünstiger gesellschaftspolitischer Rahmenbedingungen lässt sich eine Garantie für das fortdauernde Gedeihen der Dermato-Venerologie in Kambodscha daraus jedoch leider nicht ableiten.

Kontakt:
Dr. Christoph Bendick
Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten
Preah Kossamak-Hospital
BP 1006 Phnom Penh, Kambodscha
E-Mail: cambodia.derma-at-gmail.com

Weiterführende Informationen zur dermatologischen Versorgungssituation
in Kambodscha bietet u.a. die Webseite der International Foundation for
Dermatology: www.ifd.org/activities/cambodia

Originaltext hier: www.aerztliches-journal.de

Department of Dermatology in Preah Kossamak Hospital: www.dermatology-kossamak.com


 

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Autor

Von: Dr. Christoph Bendick